18.04.2019

Jahresserie 2019 – Folge 4/2

Ostern ist keine Kopfsache – eine Herzensangelegenheit

Wie können wir über die Auferstehung sprechen? Eine Frage, die umso berechtigter scheint, wenn man die biblischen Berichte liest. Denn selbst für jene, die es mit eigenen Augen sehen, ist die Botschaft einfach nur: unglaublich. Eine Annäherung. Von Johannes Becher.

Foto: privat
Eine kleine handgeschriebene Ikone hält die ersten Zeuginnen
der Auferstehung im Bild fest: die drei Frauen am Grab – die Ikone eines
russischen Christen wird im Laden der Dormitio-Abtei in Jerusalem
verkauft. Foto: privat

Auferstehung? Weiterleben nach dem Tod? Neues Leben? – Wie kann ein aufgeklärter Mensch heute so etwas wie „Ostern“ (noch) glauben?

Gegenfrage: Warum „glaubt“ ein Kinobesucher, wenn er in „Skyfall“ einen James-Bond-Darsteller nach seinem Todessturz lebendig aus einem Wasserfall steigen sieht? Daniel Craig, der diesen unglaublichen Stunt im Film überlebt, sagt dem staunenden Publikum: Jeder brauche ein Hobby, und seines sei Auferstehung. Das Volk akzeptiert. Kein kritisches Nachfragen, kein ungläubiges Kopfschütteln. Einem solchen Helden traut man eben alles zu …

Und damals? Wie war das mit diesem Jesus?

„Geschwätz!“ Die Männer halten es für Geschwätz, als ihnen Maria von Magdala, Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus, von ihrem Ostererlebnis erzählen. Jesus auferstanden? Leeres Gerede. Ein Mann, ein Wort, eine Frau ein Wörterbuch …

Osterberichte gibt es in allen vier Evangelien und – noch früher – in den Paulusbriefen. Es sind zum Teil ganz unterschiedliche Berichte über die Auferstehung. Die Kernbotschaft ist aber immer die gleiche: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ Immer wird zuerst den Frauen das Neue zugetragen und berichtet. Engelsworte … Erst danach erscheint der Auferstandene auch Männern. Er lässt sie ihre Finger in seine Wunden legen, er trifft die beiden Emmaus-Weggefährten mit seinen Worten mitten ins Herz, er sammelt seine Jungs in Galiläa wieder ein – und isst mit ihnen.

Die ersten Zeuginnen sind aber überall Frauen. Warum wohl? Interessant, wenn wir das Markus-Evangelium einmal auf die Präsenz von Frauen und Männern in der Nähe Jesu absuchen. Kernszenen: Ölberg und Golgota. Da bittet Jesus seine Männer, mit ihm zu beten. Und Petrus, Jakobus und Johannes schlafen ein. „Konntet ihr nicht mal eine Stunde mit mir wachen?“ … Und unterm Kreuz? Die Männer nehmen Reißaus, Frauen halten aus – manchmal „von fern“. Dieselben Frauen, die sein Leid durchtragen bis zuletzt, die entdecken das neue Leben. Die werden Zeuginnen des Ostermorgens.

Eine kleine Episode aus dem Markus-Evangelium mag die Augen noch mehr öffnen: Die Geschichte von der Frau, die Jesus zu Lebzeiten das Haupt salbt (Markus 14,7.8) – und damit vorwegnimmt, was man einem Toten angedeihen lässt. Als die Neider ihr Lamento beginnen – von wegen teures Öl und Verschwendung und was man für die Armen hätte tun können –, nimmt ihnen Jesus alle Argumente und sagt: „Die Armen habt ihr immer bei euch und ihr könnt ihnen Gutes tun, sooft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht immer.“ Und die salbungsvolle Frau würdigt er mit den Worten: „Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat im Voraus meinen Leib für das Begräbnis gesalbt.“

Da ist eine, die es schon früh begriffen hat: Christusnachfolge heißt Dienen. Eine besondere Begabung der Frauen? Oder warum tun sich Männer oft so schwer damit? Wer sucht „die ersten Plätze“? Man lese vom Rangstreit der Jünger (Markus 9).

Sind die Evangelien – Markus zumal – Frauengeschichten? In einem Buch von Ludger Schenke, dem Mainzer Neutestamentler, lässt sich folgendes Fazit über das Markus-Evangelium finden: „Ist der Autor Feminist? Wenn man bedenkt, mit welcher Hochachtung er von den Frauen im Gefolge Jesu spricht, könnt man ihn so bezeichnen. Ohne Belehrung tun sie, was der Jünger tun soll: Sie dienen. Ihr Glaube und ihr Zutrauen sind überhaupt beispielhaft. Der Autor scheint sie den berufenen Jüngern vorzuordnen, sie sind seine heimlichen Favoriten.“

Noch eine Beobachtung: Der Gärtner im Johannes-Evangelium. Maria von Magdala hält den Auferstandenen zuerst für den Gärtner. Erst als Jesus sie beim Namen ruft: „Maria“ – da gehen ihr die Augen auf: „Rabbuni“. Es ist wohl so, wie es Johannes Eckert, der Abt der Benediktiner von Andechs, in seinem neuen Buch über die Frauen im Markus- Evangelium schreibt: „Maria von Magdala wird in die ursprüngliche Beziehung zu Jesus wieder hineingeführt. So finden sich im Johannes-Evangelium dessen Worte: ,Ich bin der gute Hirte. Er kennt seine Schafe, sie kennen seine Stimme, er ruft sie mit Namen.‘ Diese Christusbeziehung wird zum Ausgangspunkt für Ostern.“

Ostern ist keine Kopfsache, sondern eine Herzensangelegenheit. Nur wer davon berührt ist, ganz beseelt, der vermag es zu fassen. Wer bereit ist, sich einzulassen, mitzugehen – zuweilen „von fern“ – und doch gerufen: beim eigenen Namen. Um sein Weiterleben weiterzusagen: Jesus lebt! Er ist wahrhaftig auferstanden.

 

„Ich habe den Herrn gesehen“

Zeugnisse der Auferstehung finden sich in vielen Büchern des Neuen Testaments – von den Paulus-Briefen bis ins Johannesevangelium. Eine Auswahl:

  • „Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Zuletzt erschien er auch mir, gleichsam der Missgeburt.“ 1 Korinther 15, 3 – 8
  • „Am ersten Tag der Woche gingen die Frauen mit den wohlriechenden Salben, die sie zubereitet hatten, in aller Frühe zum Grab. Da sahen sie, dass der Stein vom Grab weggewälzt war; sie gingen hinein, aber den Leichnam Jesu, des Herrn, fanden sie nicht. Und es geschah, während sie darüber ratlos waren, siehe, da traten zwei Männer in leuchtenden Gewändern zu ihnen. Die Frauen erschraken und blickten zu Boden. Die Männer aber sagten zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden.“ Lukas 24,1 – 6
  • „Und sie kehrten vom Grab zurück und berichteten das alles den Elf und allen Übrigen. Es waren Maria von Magdala, Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus, und die übrigen Frauen mit ihnen. Sie erzählten es den Aposteln. Doch die Apostel hielten diese Reden für Geschwätz und glaubten ihnen nicht.“ Lukas 24, 9 – 11
  • „Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.“ Johannes 20, 15 – 18
  • „Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. Doch auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab, fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht.“ Lukas 24, 21 – 24