29.11.2019

Erste Ergebnisse eines Visionsprojekts

Pastoral der Improvisation

Was ist wesentlich für die Kirche 2030? Heute geht es in unserem „kleinen ABC der Kirchenentwicklung“ um „Visionen“. Dass damit harte Arbeit verbunden ist und keine kleine Träumerei, zeigt das Beispiel der neuen Großpfarrei Oberursel. Von Johannes Becher.

 

Visionen hat, wer lernt, neu zu sehen – auch im Blickfeld Kirche.

„Offen miteinander Glauben leben“: So liest sich kurz und knapp das Ergebnis des Visionsprojekts von St. Ursula in Oberursel. Hier sind vor mittlerweile sieben Jahren acht Gemeinden fusioniert worden. Die Verantwortlichen haben dann aktiv eine Umfrage gestartet – bewusst breit angelegt. Dutzende Freiwillige befragten dabei auch Menschen, die nicht zum Binnenraum der Gemeinde gehörten. Aus den Antworten ist im Austausch mit den Antwortgebern die „Vision“ formuliert worden. 

Wie die Gemeinde offen ihren Glauben lebt und leben will, ist in acht Verben festgehalten worden: glauben, ausstrahlen, öffnen, wertschätzen, einladen, beteiligen, verändern, handeln… Wie das konkret gelingt, lässt sich heute auf der Internetseite der Großgemeinde St. Ursula nachlesen: www.kath-oberursel.de

Was andere von Oberursel lernen könnten: Die zukünftige Gestalt der lokalen Kirche lässt sich nicht aus dem Hut zaubern. Es braucht Zeit zum Werden und Wachsen. Und es sollten möglichst viele – auch von außerhalb der Gemeinde – mitdenken. 

Was sich ebenfalls in Frankfurts Norden abschauen lässt: Vision ist mehr als Träumerei, eher schon ausdauernde Fehlerfreundlichkeit. Ausprobieren und nachjustieren gehören dazu.

Beim Pastoraltheologen Jan Loffeld liest sich das so: „Für die Pastoral ist diese Zeit tatsächlich eine des Experiments, des Risikos, der Improvisation. Das bisweilen Autoritäre und nicht selten Totalitäre konkreter Handlungsanweisungen läuft damit allerdings ebenfalls ins Leere.“

Auch Christian Hennecke, ebenfalls Pastoraltheologe, fordert vom hauptamtlichen Personal, „Wege zu eröffnen für eine neue Visionsfähigkeit, zu heiligen Experimenten“. Die meisten Getauften wollten nicht zurück in die Zeit vor 30 Jahren. Hennecke setzt auf „die kleinen Aufbruchsversuche“. Darin zeichne sich eine Vision ab, die nicht durch Pastoralpläne von oben gemacht werden könne. Vielmehr „achtsam ins Licht gehoben“ werden müsse. Und natürlich zitiert Hennecke dann gerne Jesaja: „Denkt nicht mehr an das, was früher geschah, schaut nicht mehr auf das, was längst vergangen ist! Seht, ich schaffe Neues; schon sprosst es auf. Merkt ihr es nicht?“

 

Zitiert

Neues sehen

„Es geht um eine neue Vision, um das Sehen. Und es geht um die Deutung dieser Entwicklung, die zu einer gänzlich anderen Konfiguration kirchlichen Lebens führen wird. Führen wird? Schon geführt hat. Wer mit den Maßstäben des Vergangenen misst, wird in der Gegenwart nur den Mangel entdecken können. Wer aber versucht, sich auf die Gegenwart einzulassen, selbst in einen Umkehrprozess zu treten, der sieht anderes: dem wird auffallen, dass Christwerdung und Kirchenbildung in postvolkskirchlichen Zeiten ganz anders funktionieren.“

Christian Hennecke