04.11.2019

„Christus braucht uns als Dolmetscher“

Mission gehört zu den Kernaufgaben der Kirche. Dennoch fühlen sich immer weniger Menschen der Kirche zugehörig. Haben wir in Deutschland die Mission vernachlässigt? Nein, sagt der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf, der Jurymitglied für den Bonifatiuspreis ist. Wir hätten nur vergessen, dass Glaube auch Arbeit bedeutet. 

Viele Menschen verlassen die Kirche und können nichts mit dem Glauben anfangen. Ist Deutschland zum Missionsland geworden? 

Bischof Peter KohlgrafDavon hat bereits 1941 der Jesuitenpater Alfred Delp gesprochen. Das zeigt, dass Mission nie abgeschlossen ist. Wir haben nie den Zustand erreicht, an dem wir sagen können: Jetzt sind wir christlich missioniert. Es geht immer darum, den Glauben lebendig zu halten und zu schauen, was er für uns in unserer Zeit bedeutet. 

Aber noch vor einigen Jahrzehnten sind deutsche Missionare in die Welt gereist, um den Glauben zu verkünden. Heute kommen die ausländischen Priester zu uns. Haben wir in den vergangenen Jahren Fehler gemacht? 

Vielleicht haben wir uns in den vergangenen Jahrzehnten zu sehr auf dem Eindruck ausgeruht, dass Deutschland ein christliches Land ist. Solange die Volkskirche noch funktionierte, ist das Bewusstsein ein Stück weit verschwunden, dass Glaube nicht selbstverständlich ist. Der Glaube breitet sich nicht einfach so aus. Dafür muss gearbeitet werden. 

Also haben wir die Mission vernachlässigt? 

Nein. Wo Eltern den Glauben an ihre Kinder weitergeben oder ein Religionslehrer in den Unterricht geht, geschieht Mission. Die Ins-trumente haben wir bedient. Aber ich glaube, wir sind zu sehr davon ausgegangen, dass der Glaube automatisch geschieht. Wir müssen uns jetzt unseres Sendungsauftrags neu bewusst werden. 

Wie kann der Kirche in Deutschland das gelingen? 

Bei all den Problemen dürfen wir nicht vergessen, was wir für eine großartige Botschaft haben. Wir sind keine Verbotskultur, die den Menschen permanent Warnschilder zeigt. Wir haben das Evangelium, das zum Leben einlädt. Am Anfang steht nicht ein Verbot, sondern die Zusage, dass Gott die Menschen liebt. 

Aber von dieser Liebe müssten wir auch erzählen. Daran hapert es ja manchmal. 

Ich glaube, es braucht Mut, über den Glauben zu sprechen. Und es sollte so passieren, dass es weder fanatisch noch aufgesetzt wirkt. 

Wie kann das konkret aussehen? 

Kürzlich habe ich in einer Predigt einen Freund erwähnt. In seiner Nachbarschaft ist eine Frau gestorben und der Witwer fragte meinen Freund, der regelmäßig zum Gottesdienst geht, ob er wirklich das glaube, was in der Kirche gesagt werde. Als mein Freund das bejahte, meinte der Mann, dann werde er ja seine Frau wohl irgendwann wiedersehen. Das Gespräch ergab sich einfach aus dieser Situation. Da war nichts gekünstelt oder gezwungen. 

Es braucht also den richtigen Moment für Mission. 

Und es braucht ein Gefühl dafür, was die Fragen meines Gesprächspartners sind. Für mich ist ein Gedanke aus den vielen nachkonziliaren Missionspapieren wichtig geworden: Christus ist bereits da, noch bevor der Missionar kommt. Wir folgen ihm nur. Trotzdem braucht er uns als eine Art Dolmetscher der Gotteserfahrung. 

Gläubige fragen sich dennoch, ob es noch ausreichend ist, allein von Jesu Botschaft zu erzählen. Müssen wir auch die Verpackung ändern? 

Ich glaube, das ist mehr als nur eine Frage der Verpackung. Die christliche Botschaft muss sich auf die Lebenswirklichkeit der Menschen einlassen. Die Kirche in Afrika bekennt und feiert ihren Glauben anders als wir. Das ist ein Ausdruck des Herzens, der sich da entwickelt hat, und nicht einfach nur eine Verpackung. In Deutschland ringen wir gerade darum, wie das bei uns aussehen kann. Das biblische Bild des Sauerteigs, der alles durchsäuert, ist aber ein schönes Bild für das, was Mission bedeutet. Wir kommen nicht von oben herangeschwebt, sondern wir sind ein Teil der Gesellschaft und wirken in ihr. 

Wer ist Ziel unserer Mission? 

Jeder! 

Jeder? Das ist ja eine riesige Aufgabe! Oft machen Gemeinden die Erfahrung, dass selbst für besondere Angebote kaum noch Menschen zu begeistern sind. 

Und das sorgt natürlich für Frust. Ich glaube aber, dass wir noch zu sehr mit einer Komm-her-Perspektive arbeiten. Wir müssen zu einer Geh-hin-Perspektive kommen, die Papst Franziskus ja auch immer wieder anspricht. 

Was meinen Sie damit? 

Oft ist es heute so, dass eine Gemeinde ein Angebot macht, die Kirche oder das Pfarrheim öffnet, die Organisatoren sitzen da und niemand kommt. Wir sollten aber viel stärker in die Lebenswelt der Menschen gehen, die nicht zur Kirche kommen. Da ist viel Aufmerksamkeit, Kreativität und Sensibilität gefordert, diese Lebenswelten überhaupt wahrzunehmen und anzuerkennen. 

Wie kann das funktionieren? 

Die Willkommenskultur in unseren Gemeinden ist ein ganz wichtiger Punkt. Ich habe Freunde, die mir aus den USA berichten, dass dort in den Gemeinden Fremde wahrgenommen und willkommen geheißen werden. Das ist bei uns ein bisschen verkümmert oder hat es in dieser Form nie gegeben. Aber das verändert sich langsam. 

Haben Sie ein Beispiel? 

Wir haben kürzlich einen Segnungsgottesdienst für Ehejubilare gefeiert. Zwei Silberpaare sagten mir, dass sie ganz erstaunt gewesen seien, als die Einladung vom Bistum dazu kam. Sei seien schon katholisch, haben auch ihre Silberhochzeit in der Kirche gefeiert, hätten aber sonst nicht den stärksten Kontakt zur Kirche. Als die Einladung kam, wurden sie neugierig und sind zum Gottesdienst gekommen. Es muss uns öfter gelingen, dass wir zeigen: „Du bist willkommen, du gehörst zu uns, wir haben dich nicht vergessen.“ 

Trotzdem überwiegt in den Gemeinden heute vor allem die Erkenntnis, dass wir weniger werden. Das tut den Mitgliedern und den Priestern weh. Wie können wir lernen, mit diesen Abbrüchen besser umzugehen? 

Wir müssen uns vor allem realistisch der Situation stellen. Es gibt Gemeinden mit einer guten Mischung aus Jung und Alt und es gibt Gemeinden, in denen ein Großteil der Gottesdienstbesucher über 70 ist. Darauf müssen wir reagieren und schauen, wo zwischen Gemeinden Synergien möglich sind. Wir können aktuell noch nicht absehen, wie die Kirche in Zukunft aussehen wird. Wir gehen jetzt los und schauen, wo uns der liebe Gott hinführt. 

Werden wir es schaffen, die Kirchen in Deutschland wieder zu füllen? 

Es kann uns nicht um eine Wiederherstellung alter Zustände gehen. Die wird es auch nicht mehr geben. Das muss so deutlich gesagt werden. Aber ich bin da gar nicht pessimistisch. Wir leben heute mit einem Bild von Kirche, das in den 1950er und 1960er Jahren geprägt wurde, als die Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg eine moralische Instanz und ein Halt für die Menschen war. Jetzt nähern wir uns strukturell wieder dem Zustand von vor dem Zweiten Weltkrieg an. Wenn man sich größere Zeiträume anschaut, erleben wir derzeit nicht den großen Zusammenbruch der Kirche, sondern eine Rückführung auf Strukturen, die es schon einmal gegeben hat. 

Wie sieht denn ihre Vision von Kirche für die Zukunft aus? 

Ich wünsche mir eine Kirche, in der Menschen als Gemeinschaft leben und glauben, in dem tiefen Bewusstsein, dass Christus die Mitte ist. Das klingt jetzt sehr fromm, aber das hat die Konsequenz, dass wir an ihm Maß nehmen. Unsere Gemeinschaft sollte einladend sein. Auch Menschen, die nur ab und zu mal hereinschnuppern und nicht jeden Sonntag da sind, sollten gut begleitet werden. Es wäre meine Hoffnung, dass wir eine echte Nähe zu den Menschen leben und dass wir jede Gelegenheit nutzen, über Freude, Hoffnung, Angst und Trauer mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. 

Interview: Kerstin Ostendorf