20.08.2020

Die Geschichte des Papstamts

Petrus und die Päpste

„Du bist Petrus, der Fels ...“ Dieser Satz gilt als Kernargument für das Papstamt. Jesus hat Petrus eingesetzt und die Päpste sind seine Nachfolger. Aber stimmt das so? Und wenn: Wie müsste ein Papst in den Fußstapfen Petri sein?

Petrus
Petrus gilt als der erste Papst - aber stimmt das auch? 

Von Susanne Haverkamp 

Petrus war der erste Papst: Diesen Satz würden vermutlich die meisten Katholiken unterschreiben. Allerdings stimmt er nicht. Und das vor allem deshalb, weil es das Papstamt zu Lebzeiten des Fischers aus Galiläa noch nicht gab. 

Der erste Bischof von Rom, der sich Papst nannte und damit einen besonderen Leitungsanspruch verband, war Siricius. Er amtierte von 384 bis 399 nach Christus – über 300 Jahre nach Petrus, dem Menschenfischer. Siricius trat sein Amt nur vier Jahre nach einem einschneidenden Ereignis an: Im Jahr 380 hatte der römische Kaiser Theodosius I. das Christentum zur Staatsreligion erklärt. Da war es nur logisch, dass in Rom nicht nur die politische Macht lag, sondern auch die geistliche. Und so wie der Kaiser der Vorgesetzte aller Fürsten war, so sollte ein Papst der Vorgesetzte aller Bischöfe sein. Oder positiv ausgedrückt: Wie der Kaiser von Rom Garant für die Einheit des römischen Reiches war, sollte der Bischof von Rom Garant für die Einheit der römischen Kirche sein.

Gestützt wurde dieser Anspruch durch den Rückbezug auf Petrus und den berühmten Satz aus dem Matthäusevangelium: „Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ Hieronymus, der Gelehrte, Theologe und Übersetzer der Bibel ins Lateinische, hat hier einflussreich gewirkt. Er betonte immer wieder, dass Petrus Bischof von Rom war – und das 25 Jahre lang. Historisch ein Ding der Unmöglichkeit, wie man heute weiß, aber damals ein gewichtiges Argument: Wer die Nachfolge von Petrus als Bischof von Rom antritt, erbt gleichzeitig seinen Führungsanspruch als Fels, auf dem die Kirche steht.

Doch auch wenn historisch nicht alles so war, wie später behauptet wurde: Zweifellos war Petrus ein besonders bedeutsamer Mann in der jungen Kirche. Möglicherweise hatte er tatsächlich eine Leitungsfunktion in der Christengemeinde Roms, möglicherweise starb er im Jahr 64 den Märtyrertod und möglicherweise ist er wirklich in den Katakomben des Petersdoms bestattet. Und vor allem ist die Idee von einem Amt – oder besser: einem Dienst – an der Einheit der Kirche zweifellos keine schlechte.

Wie aber müsste ein solcher Petrusdienst aussehen, wenn er sich an Simon, dem Fischer, orientiert? Diese Frage ist wichtig, denn schließlich hat Jesus dem real existierenden Menschen Simon, den Auftrag gegeben, die Kirche zu bauen – und nicht einer glorifizierten Heiligenstatue. Wie also war Petrus?

Etwas wagen
Petrus war wagemutig. Schon gleich zu Beginn, sonst hätte er seinen sicheren Job im Fischerboot nicht gegen das unstete Leben eines Wanderpredigerbegleiters eingetauscht. „Das war schon immer so“ war sein Lebensmotto nicht. Einen Bruch mit der Tradition – familiär wie religiös – hat Petrus nicht gescheut. Er hat sich auch gegenüber Jesus was getraut. Mal einen rauszuhauen, wie dieses Messiasbekenntnis. Mal zu widersprechen: „Das soll nie geschehen.“ Mal was Verrücktes zu wagen wie den Gang auf dem Wasser. So sollte sein Nachfolger also auch sein: mutig genug, um Neues zu wagen. Tradition ist nicht alles.

Inspiriert sein
Petrus war ein Mensch, der nicht kopfgesteuert entschied, sondern sich auf sein Bauchgefühl verließ. Einer, der nicht meinte, alles von sich aus zu wissen, sondern der auch mal auf eine Eingebung hoffte. „Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel“, sagte Jesus zu ihm. So sollte auch sein Nachfolger sein: gläubig genug, nicht nur auf den eigenen Verstand zu vertrauen.

Seine Grenzen kennen
Auf eine Eingebung vertrauen – das heißt aber weder, ständig und immer inspiriert zu sein, noch, es als einziger zu sein. Matthäus wusste, was er tat, als er gleich nach diesem Highlight im Leben des Simon Petrus von einem Tiefpunkt erzählt. „Tritt hinter mich, du Satan“, herrscht Jesus ihn drei Verse später an. „Ein Ärgernis bist du mir!“ Und über die Verleugnung Jesu im Angesicht des Kreuzes müssen wir gar nicht erst reden. So sollte auch sein Nachfolger sein: klug genug, auch die eigenen Grenzen zu kennen, die Fehlerhaftigkeit, die Schwächen. Und danach zu handeln.

Christus zuerst
„Du bist der Fels“, sagte Jesus, aber Petrus war vermutlich klar: Der eigentliche Fels, auf dem die Kirche steht, ist Christus. Das sagt sein Bekenntnis ganz eindeutig. Sich selbst als Herr der Kirche aufzuspielen, das wäre Petrus wohl nicht in den Sinn gekommen. Seinen Nachfolgern besser auch nicht.

Gemeinsame Leitung
Petrus war kein Einzelkämpfer und auch kein Alphamännchen. Zwar ergriff er gern und oft das Wort, aber die Jerusalemer Urgemeinde wurde von einem Team geleitet: von Petrus, Jakobus und Johannes. Und als wegen einer wichtigen Frage ein Konzil, also eine Vollversammlung, einberufen wurde, hatte Jakobus die Leitung und Petrus war ein Diskutant unter mehreren. So sollte auch sein Nachfolger sein: souverän genug, sein Amt in das Kollegium der Bischöfe einzubinden.

Offene Diskussionen
Petrus pochte nicht auf Autorität, er setzte auf die Kraft des Arguments. Selbst als es wirklich ums Eingemachte ging, um die Frage, ob Jesus nur zu den Juden gesandt war oder auch zu den Heiden. Petrus war ganz klar auf judenchristlicher Linie – mit Beschneidung, Speisevorschriften und allem. Aber er ließ sich überzeugen, mit dieser Tradition zu brechen. Von Paulus, der Jesus noch nicht mal gekannt hatte und zuerst die Christen verfolgte. So sollte auch sein Nachfolger sein: diskussionsfreudig und offen genug, das bessere Argument anzuerkennen.