23.07.2020

Priester im (Un-)Ruhestand: Das Potential der jungen Alten

Einmal Priester – ein Leben lang Priester. Heute schon sind 40 Prozent der Priester im Ruhestand, Tendenz steigend. Die Zahl der Jüngeren ist gering. Was bedeutet diese Entwicklung für die Pastoral? Annäherungen von Schwester Igna Kramp vom Theologisch-Pastoralen Institut (tpi).

Älterer Priester  Foto: kna-bild
Priester im Ruhestand verdienen die Aufmerksamkeit der Kirche.

Im Hinblick auf den Ruhestand ist die Gruppe der Priester innerhalb des pastoralen Personals ein  Sonderfall. Denn auch wenn die Priester im Pensionsalter von ihren bisherigen Aufgaben entpflichtet werden, sind sie doch ihr Leben lang Priester. Ihre Bindung an die Diözese und die Cura personalis des Bischofs enden dementsprechend nicht mit dem Ruhestand, sondern erst mit dem Tod. Natürlich wird auch bei den anderen pastoralen Berufsgruppen das Arbeitsverhältnis, in dem sie gegenüber der Diözese stehen, nur unzureichend fassen, was ihre Lebensentscheidung für den kirchlichen Beruf ausmacht. Aber formal handelt es sich eben, mit Klarheit nach beiden Seiten hin, um ein Arbeitsverhältnis. Sicherlich engagieren sich viele von ihnen auch im Ruhestand weiter für die Kirche, aber weder besteht von Seiten der Diözese eine Fürsorgepflicht über die arbeitsrechtlichen Gepflogenheiten hinaus, noch wird eine solche erwartet.

Die pastoralen Mitarbeiter*innen werden wie die Priester als „junge Alte“ in der Kirche präsent sein und ihr mit ein Gesicht geben, aber eben nicht mehr als Hauptamtliche. Anders die Priester – sie sind in dieser Phase weiterhin als Priester präsent, und der Bischof ist weiterhin für sie verantwortlich. Dies schließt auch ihre sozialen Belange ein, die im Alter möglicherweise besondere Aufmerksameit erfordern. Alle pastoralen Mitarbeiter*innen verdienen es, dass die Diözese sie auch auf dem Weg in den Ruhestand gut begleitet. Aber bei den Priestern wirkt sich das Scheitern und Gelingen ihres Ruhestands unmittelbar auf die Pastoral aus. Sie können jenseits der früheren Dienstpflichten neu entdecken, was Priestersein bedeutet, und Pioniere in der Kirchenentwicklung sein. Sie können aber auch Weiterentwicklung verhindern, indem sie sich für die Erhaltung bestehender Strukturen, die sich bereits überlebt haben, einspannen lassen. 

Die Statistik belegt eine hohe Zufriedenheit unter den Ruhestandsgeistlichen, ja sogar eine steigende Zufriedenheit bis zum Lebensende. Das schließt aber nicht aus, dass es auch Einsamkeit und Elend gibt. In jedem Fall geht ihr Leben im Ruhestand nicht nur sie selbst, sondern auch den Bischof und die Personalverantwortlichen der Diözese weiterhin etwas an. Es wäre wünschenswert, dass Kompetenzen zur Gestaltung des Ruhestands frühzeitig gestärkt werden, damit die Fürsorgepflicht von Seiten der Diözese nicht erst da ausgeübt wird – werden muss! – , wo die Situation bereits sozial oder pastoral gesehen prekär geworden ist. Deshalb sollte die Vorbereitung auf die Zeit des Alters bereits mit 60 Jahren beginnen. Denn je größer die Kräfte, desto leichter lassen sich Weichen für Situationen stellen, in denen die Kräfte nicht mehr in vollem Maße vorhanden sind. 

Der markante Einbruch kann ohnehin nicht abgewendet werden

Hinzu kommt, dass auch der dienstliche Einsatz der Priester auf ihr jeweiliges Alter gut abgestimmt sein sollte. Das mag angesichts des Personalmangels eine große Herausforderung sein. Der markante Einbruch in der Personaldecke kann aber ohnehin nicht abgewendet werden, auch nicht, indem Einzelne sich überfordern und ihre Grenzen missachten. Das gilt für die Personalplanung, aber auch für die Priester selbst. Auch wenn überall Priester fehlen, ist es erlaubt, nicht grenzenlos weiterzuschaffen. Vielmehr wäre hier – nicht zuletzt in einer vergreisenden Gesellschaft – das Lebenszeugnis gefragt, wie ein geistlicher Mensch auf gelungene Weise alt wird. Natürlich kann sich der 60-Jährige, der in seiner neuen Pfarrei als „junger Pfarrer“ (!) begrüßt wird, erstmal auch freuen, dass er als so vital und lebensfroh wahrgenommen wird. Aber es sollte auch im Blick sein, dass sich hier die Wahrnehmung verschoben hat, weil es so wenige wirklich junge Priester gibt.

Ein Priester, der nicht mehr Pfarrer ist, bleibt Priester 

Was ist ein Priester, der nicht (mehr) Pfarrer ist? Hoffentlich endlich Priester! Das ist provokant formuliert, denn natürlich ist der Priester immer zuerst Priester, egal in welcher Berufsrolle. Aber die Berufsrolle des Pfarrers zieht im Vergleich zu seinem Priestersein manchmal allzu viel Aufmerksamkeit auf sich, und zwar von allen Seiten. 

Die Priester, die auf den Ruhestand zugehen, empfinden zum Teil als schwierig, aus dem Pfarrhaus auszuziehen und die Berufsrolle des Pfarrers hinter sich zu lassen. Verständlich, wo sie doch fast alle ihr Leben lang Pfarrer waren. Was beziehungsweise wer werden sie jetzt sein? Eine Veränderungskrise steht ins Haus. Aber, wie Max Frisch sagt: „Die Krise ist ein ungemein produktiver Zustand, man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ 

In dieser Krise liegt Potential, nicht zuletzt das Potential, zu entdecken, was Priestersein jenseits der Pfarrerrolle eigentlich bedeutet. Angesichts von in naher Zukunft zwei Dritteln Priestern, die als Pensionäre die Seelsorge mittragen, gilt es dieses Potential nicht nur als Einzelner, sondern auch für die Kirche zu erschließen. Angesichts zusammenbrechender Strukturen werden umso mehr Menschen gefragt sein, die in dieser Welt im Dienst der Sakramente Christus repräsentieren und auch in ihrem Alter vorleben, was Christsein ist. Auch „für die Gläubigen bedeutet dies den Abschied von einer falschen Zentrierung auf die Pfarrer-Rolle des Priesters und die Würdigung des Priesterseins an sich und die Würdigung seelsorglichen Engagements unabhängig von überkommenen gesellschaftlichen Positionen.“ (Christoph Jacobs) Wenn sich die Pensionäre und die anderen Christen mit ihnen auf diese kreative Krise einlassen, kann dies der Seelsorge ein neues Gesicht geben, in dem die Kirche mehr als Beziehungsgeschehen erfahren wird, das in die Nachfolge Christi lockt, denn als Institution mit Funktinären in bestimmten Rollen.  

Dies kann durchaus im biblischen Sinne als ganzheitliche Umkehr, Metanoia, gesehen werden, denn das Leben Jesu lässt sich nicht in eine Berufsrolle fassen. Natürlich braucht es trotzdem solche Rollen, und Jesus anerkennt sie selbst auch, indem er etwa von ihm geheilte Aussätzige zu den Priestern schickt, damit sie die kultische Reinheit der Geheilten feststellen. Aber gesellchaftliches Ansehen als Motivation für religiöses Handeln kommt im Evangelium – anders als das Streben nach himmlichen Lohn  – nicht gut weg. So kann die Kirche möglicherweise mehr das sein, was sie von der Bezogenheit auf ihren Herrn her ist, wenn Priestersein nicht (mehr) so gut wie identisch ist mit Pfarrersein. Die Pensionäre – nicht nur sie, aber auch sie! – sind in dieser Hinsicht wichtige Player in der Kirchenentwicklung. Manche von ihnen sind dabei sehr kreativ, lassen bereitwillig Vieles zurück, um sich zum Beispiel mit nur zwei Koffern in ein pastorales Experiment in der Touristenseelsorge zu stürzen. Die „jungen Alten“ haben auch im Klerus Potential, und anders als ihre jüngeren Mitbrüder auch Zeit. Sie bedürfen nicht nur in ihrem Älterwerden unserer Aufmerksamkeit, sondern genauso auch in ihrem Potential.

 

Bald mehr als die Hälfte

Schon jetzt sind im Durchschnitt der deutschen Diözesen deutlich über 40 Prozent der Priester Ruhestandsgeistliche. Um das Jahr 2025 herum wird die Gruppe der Pensionäre genauso groß sein wie die der Priester im aktiven Dienst. 2035 werden etwa zwei Drittel der Priester über 65 Jahre alt sein.