16.01.2019

Serie "Und Tschüss?!" – Teil 3

Protestieren oder akzeptieren?

In der Kirche bleiben oder gehen? Das ist die Frage in der Serie „Und Tschüss?!“. Hier kommt Folge 3: „Rolle der Frau, Zölibat, Missbrauch – So geh ich damit um.“ Das sagen Petra Waldman*, Richard Jökel und Ulrike Klose dazu. Von Sarah Seifen

Menschen demonstrieren Foto: Adobe Stock
Menschen gehen auf die Straße, um für ihre Meinung einzustehen.
Auch in der Kirche werden die Rufe nach Reformen lauter. Foto: Adobe Stock

Was bisher geschah: Zwang und Kontrolle bestimmten das Pfarreileben und den Schulunterricht von Richard Jökel. Seine Kindheit in der katholischen Kirche war grausam, sagt er rückblickend. Gleichzeitig aber wunderschön. Ein Widerspruch? Für ihn nicht. Die zwei Seiten prägen ihn bis heute. Für Petra Waldman und Ulrike Klose – sie sind später geboren – ist die Erinnerung an diese Kindertage schön und weckt Vertrauen in die Kirche. Dass sie sich über sie beschweren, beginnt erst mit zunehmenden Alter. Hier geht’s um die Rolle der Frau in der Kirche, den Zölibat, das Thema Missbrauch:

Ulrike Klose Zeichnung: Sarah SeifenUlrike Klose:

Beim Eintreten ins Haus der Kloses in Erbach ist klar: Hier wohnen Kinder. Da hängt das Familienfoto aus dem Urlaub, hier liegt die Schultasche im Flur. Drei Kinder haben Ulrike Klose und ihr Mann. Zwei Mädchen, 16 und 14, und einen elfjährigen Jungen.
Dass Priester ehelos leben müssen, kann Ulrike Klose nicht verstehen. „Ich hab’ mal mit einem Pfarrer darüber diskutiert. Der hat gesagt, er könnte sich so freier, ohne Rücksicht auf Familie, seiner Gemeinde widmen.“ Zustimmen tut sie dem nur teilweise. „Ein Arzt mit Familie, der Rufbereitschaft hat, kriegt es ja auch hin, sich um Patienten zu kümmern.“

Ulrike Kloses Stimme ist sanft, versöhnlich. Noch. Bei der nächsten Frage richtet sie sich auf, spricht schnell und laut. Denn wenn ein Pfarrer in der Predigt den Finger heben und sagen würde: „Ihr müsst eure Kinder immer lieben und immer Verständnis haben“, das ist der Mutter zu viel: „Was für ein Blödsinn. Der hat überhaupt keine Ahnung. Ich kann nicht immer Verständnis haben, wenn drei Kinder morgens schon explodieren, weil sie pubertär sind.“

Auch ein anderes Thema in Predigten bringt sie in Rage: Frauen. „Ein Pfarrer hat mal was gesagt: ‚Wenn Gott gewollt hätte, dass Frauen Pfarrerin werden, dann hätte der das dem Petrus ja wohl gesagt.‘“ Bei dieser Predigt wäre die 49-Jährige gerne aufgestanden und gegangen. Stattdessen positioniert sie sich. Sie steht als Wort-Gottes-Feier-Leiterin selbst am Altar und hat damit nur positive Erfahrungen gemacht: „Einmal kam eine junge Frau nach einer Wort-Gottes-Feier extra zu mir und hat sich bedankt: ‚So etwas hätte ich gerne öfter!‘“

Gründe, zu gehen, sind das für Ulrike Klose aber nicht: „Das hat ja nichts mit meinem Glauben zu tun. Ich glaub’ ja nicht an die Kirche. Mein Glaube – das ist was zwischen mir und meinem Gott.“

Petra WaldmanPetra Waldman*:

Sie stockt. Tränen sammeln sich in ihren Augen. Die Frage nach den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche geht der 56-jährigen Frau nahe. Zwischen den einzelnen Wörtern macht Petra Waldman lange Pausen. „Ich bin fassungslos, dass Menschen mit Kindern“, sie schluckt, dann bricht sie den Satz ab.

Waldman ist Kinderkrankenschwester. „Das ist mein Arbeitsplatz. Ich habe mit Menschen zu tun, die traumatisiert sind. Wie gestört manche Menschen sind, die so etwas tun, egal, in welchem Beruf“, sagt sie weiter. Sich mit diesem Thema zu befassen, das sei ihr zu schwierig.

Auch mit anderen Themen, die oft in Diskussionen auftauchen – Frauenpriestertum, Zölibat – beschäftige sie sich nicht so viel. „Mmh, ich kann das Argument nicht nachvollziehen, dass ein Priester ehelos sein muss, um seine Arbeit zu machen. Jeder Mensch an seinem Arbeitsplatz kann seine Arbeit machen und Familie haben.“

Vor Jahren hatte Familie Waldman einen Freund, der Theologie studiert hat, erzählt sie. Der habe ihr viel erklärt. Geschockt hat sie, dass der Zölibat auch damit zusammenhänge, dass „die Kirche ihre Güter zusammenhält, dass nicht alles vererbt werden soll“.
Wider die Natur sei der Zölibat. „Viele treten ja aus wegen dieser Themen, aber die sind bei mir kein Grund.“

Richard JökelRichard Jökel:

Vom Regal über dem Fernseher in Richard Jökels Wohnzimmer schaut Maria herab. „Die Statue hab’ ich mal auf dem Flohmarkt gesehen. Ich konnte nicht daran vorbeigehen“, erklärt er. An den Dogmen – ob den vier Mariendogmen oder dem Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes zum Beispiel – stört der 61-Jährige sich nicht mehr. „Das ist so. Die Kirche möchte das so.“ Er wirkt abgeklärt. Zur Rolle der Frau, dem Zölibat oder der Sexualmoral der Kirche hat er nichts zu sagen. „Das ist deren Sache, nicht meine.“ Diese Haltung habe er oft vorgeworfen bekommen: „‚Du bist einer von denen, die sich nur die Rosinen rauspicken in der Kirche‘, sagten die. Was soll ich darauf antworten? Ist doch schön. Ich hab immer schon gerne Rosinen gegessen.“

Gründe, wegzulaufen, gebe es immer genug, gerade in heutiger Zeit. Jökel meint die Missbrauchsfälle: „Das ist ja eine sehr schwierige Zeit für die Kirche. Aber für mich ist das kein Grund, aus der Kirche auszutreten.“ Es war ein anderer.

So geht es weiter: Die Entscheidung ist getroffen. Aber wie kann man den Eltern sagen, dass man die Kirche verlässt? Wie sich vor Arbeitskollegen rechtfertigen, dass man gerne Mitglied der Kirche ist? Und wie erklärt man seinen Kindern, warum sie zwar getauft, aber nicht zur Erstkommunion gegangen sind? In der nächsten Folge sprechen Petra Waldman, Richard Jökel und Ulrike Klose über ihre Entscheidung und die Reaktionen ihres Umfelds darauf. Außerdem: Unerlaubt! Das sagt das kirchliche Gesetzbuch zum Austritt. Ein Interview mit dem Kirchenrechtsprofessor Matthias Pulte. Fortsetzung folgt ...

* Name von der Redaktion geändert

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