08.07.2020

Was Menschen aus den Bistümern Fulda, Mainz und Limburg erleben, weil sie nicht weiß sind

Rassismus bei uns?

Rassismus – schlimm, aber doch nicht bei uns! So mögen viele Katholiken denken. Sechs Stimmen von Menschen anderer Hautfarbe: Sie erleben in ihrem Alltag Beleidigungen und Unterstellungen – offenbar nützt es nicht immer, dass wir uns alle als Schwestern und Brüder im Herrn verstehen dürfen. Lesen Sie hier, was Menschen aus den Bistümern Fulda, Mainz und Limburg erleben, weil sie nicht WEISS sind.

Sie fingen an zu schreien: „Affe, Affe“

„Deutschland ist in den vergangenen fünf Jahren zu meinem zweiten Zuhause geworden. 2015 bin ich aus meiner Heimat in der Demokratischen Republik Kongo hierher zum Theologiestudium gekommen. Im Fuldaer Priesterseminar wurde ich gut und freundlich aufgenommen. Rassismus ist mir hier nicht begegnet. Wir sind eine internationale Gemeinschaft. Neben Deutschen und uns Afrikanern leben auch Rumänen und Ukrainer hier. 

JacquesAußerhalb des Priesterseminars habe ich allerdings Rassismus mir gegenüber erleben müssen. Im Sommer mache ich einen Ferienjob in der Nähe von Großenlüder. Einmal war ich nach harter Arbeit spät dran. Auf dem Weg von der Firma zum Bahnhof in Großenlüder musste ich mich beeilen. Da sah ich in der Nähe des Bahnhofs zwei Jungen, die mir entgegenkamen. Sie fingen an, merkwürdige Zeichen zu machen. Und dann fingen sie an zu schreien ,Affe, Affe‘. Ich sagte zu ihnen: ,Warum meint ihr, dass ich ein Affe bin?‘ Ich war wütend. Dann kam der Zug. Ich fuhr zurück nach Fulda. 

Ein anderes Mal waren wir mit der Gemeinschaft des Priesterseminars in Gen-sungen. Ich war Gast in einer Familie. Es war schön. Ich wurde dann auch zu einer Erstkommunionfeier eingeladen. Nach dem Gottesdienst war ein Empfang. Ich wollte schon gehen, als eine Frau auf mich zukam und sagte: ,Darf ich Sie einmal stören?‘ Sie ergriff meine beiden Hände und drehte sie, sodass die Handinnenflächen nach oben zeigten. Dann sagte sie ,Das ist ja wie ein Affe.‘ Ich war etwa eine Minute sprachlos. Dann sagte ich ,Auf Wiedersehen‘ und ging. Von den Umstehenden hat keiner reagiert. Alle waren sprachlos. 

Es gibt auch andere Formen von Rassismus. Von einem Freund weiß ich, dass er sich für einen Job beworben hat bei einer Firma. Er hat ihn nicht erhalten, weil er Afrikaner ist. 

Es gibt für mich keine Begründung für Rassismus. Biologisch gibt es nur eine menschliche Rasse. Menschen unterscheiden sich durch nichts voneinander, egal, ob sie aus Afrika, Asien oder Europa stammen. Lediglich bei den Melaninen, die für die Farbe der Haut sorgen, unterscheiden wir uns. Aber da gibt es Unterschiede innerhalb der Kontinente, sogar innerhalb von Ländern und Familien. 

Wichtig ist für mich der Hinweis des Philosophen Jean-Jacques Rousseau ,Das Kind wurde von Natur aus gut geboren, aber die Gesellschaft macht es schlecht‘. Das bedeutet für mich: Kein Mensch wird als Rassist geboren. Das heißt, wir sollten unsere Haltung zu Menschen ändern. Denn wir sind alle gleich geboren.“ 

Jacques Kasongo ist Priesteramtskandidat im Bistum Fulda

Protokoll: Hans-Joachim Stoehr

 

„Die Leute sagten zu mir: Frau aus dem Katalog“

„Ich habe fast die Hälfte meines Lebens hier in Deutschland verbracht. Aber Rassismus, den habe ich hierzulande selbst bisher nicht erlebt. Ich gehe gern auf die Menschen zu. Ich war von Anfang an auch in deutschen Gruppen mit dabei. 

RiaDer Kontakt nach Deutschland kam durch eine Brieffreundschaft zustande. Dieser briefliche Austausch dauerte etwa zwei Jahre. Erst dann, 1981– da war ich 41 Jahre alt –, kam ich zu Besuch nach Deutschland, um meinen Brieffreund kennenzulernen. Ans Heiraten dachte ich dabei noch nicht. Ich hatte deshalb auch keine Papiere dabei. Als wir uns dann entschlossen, zu heiraten, musste ich mir die Papiere schicken lassen. 

Nach der Hochzeit war ich sehr erstaunt, als ich von Deutschen als ,gekaufte Braut‘ oder ,Frau aus dem Katalog‘ bezeichnet wurde. Und dies in einem abschätzigen Ton. Ich bin Akademikerin und habe zuvor auf den Philippinen lange Jahre als Lehrerin gearbeitet, auch in leitender Position. 

Ich komme aus einem Land mit einer eigenen Kultur und Identität, auf die wir stolz sein können. Mit anderen philippinischen Frauen präsentiere ich unsere Kultur gern den Deutschen – etwa mit Tänzen. Und ich erzähle gern von meiner Heimat. Meistens freuen sich die Menschen darüber. 

Dieses Miteinander mit anderen ist für mich wichtig und gut. Ich erinnere mich gern an den ersten Weltgebetstag der Frauen, den ich in der Christuskirche in Fulda mitmachte. Wir wurden damals aufgefordert, unseren Nachbarinnen in der Bank die Hand zu reichen und zu sagen: ,Wir sind alle Schwestern‘. Eine der beiden Frauen, der ich die Hand reichte, kam nach dem Gebet auf mich zu. Sie stellte sich als Leiterin eines internationalen Frauenkreises im Katholischen Frauenbund vor. Sie lud mich ein, bei einem Treffen von den Philippinen zu erzählen. Das machten wir. Mit anderen Frauen führten wir dabei auch einen traditionellen philippinischen Tanz auf. 

Für mich ist jeder Mensch wertvoll. In den USA gab es nach der Ermordung von George Floyd die Rufe ,Black lives matter‘ (,Die Leben von Schwarzen zählen‘). Ich finde, es muss eigentlich heißen: Jedes Leben ist wichtig. Denn egal, welche Hautfarbe wir auch haben, vor dem Herrgott sind wir alle gleich.“ 

Ria Meralles Gaul (80) lebt in Petersberg 

Protokolliert von Hans-Joachim Stoehr

 

 

„Das ist deutlich weniger geworden“

„Meine beiden jüngeren Schwestern und ich sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. 

JodyWie Menschen hier mit mir umgehen, möchte ich anhand von zwei Beispielen beschreiben: Als ich vor vielen Jahren einmal in Heidelberg an einem Wochenende in einen Zug eingestiegen bin, der schon ziemlich voll war, traf ich auf eine Gruppe grölender Fußballfans. Einige waren schon angetrunken, und von zwei, dreien, die in einer Ecke lungerten, bekam ich zu hören: ,Oh, jetzt wird’s aber bunt im Zug‘. 

Eine Situation, wie sie mehr oder weniger oft im Alltag vorkommt. Ich weiß dann nicht immer so genau, wie ich darauf reagieren soll. Aber zum Glück ist bislang nie weiter etwas passiert. 

Ich habe das bisher auch nur selten erlebt. Das ist im Laufe der Zeit sogar deutlich weniger geworden. 

Die andere Situation ist folgende: Eine Freundin erzählte mir, dass sie mit anderen über mich gesprochen hat. Als denen nicht klar war, wen sie meinte, hat sie lange überlegt, wie sie mich wohl beschreiben könnte. ,Ich hätte doch einfach nur sagen müssen, dass du farbig bist‘, meinte sie später zu mir. Und das ist genau das Gegenteil von Rassismus, finde ich, denn das heißt für mich doch eher: Ich bin voll integriert, weil es eben nicht die Hautfarbe ist, die anderen als erstes an mir ein- oder auffällt. Als ich nach meiner Ausbildung anfangs in Pfarreien tätig war und zum ers-ten Mal Krankenbesuche machte, kam es zu Beginn schon mal vor, dass vor allem ältere Menschen laut und deutlich mit mir gesprochen haben, weil sie nicht sicher waren, ob ich alles verstehe. Meine Erfahrung ist: Dort, wo viele Menschen mit unterschiedlichen Wurzeln leben, gibt es weniger Probleme mit dem ,Anders sein‘.“ 

Jody Antony (43) hat indische Wurzeln. Er ist Diplom-Theologe und Leiter der Jugendkirche Crossover in Limburg. 

Protokolliert von Heike Kaiser

 

 

„Ich habe gute Kontakte“ 

Ich stamme aus Kerala, Indien. Seit sechs Jahren lebe ich in Deutschland. Zunächst habe ich bei den Pallottinern in Limburg Erfahrungen als Praktikant gemacht, seit 2016 bin ich in der Pfarrei St. Laurentius Nentershausen eingesetzt. Deutsch habe vor allem bei Sprachkursen in Bonn gelernt. 

Pater JasonRassismus im Alltag erlebe ich eigentlich nicht. Bislang mache ich die positive Erfahrung, dass andere Menschen freundlich mit mir umgehen. Ein böses Wort bezüglich meiner Herkunft habe ich noch nie gehört. Ob das etwas damit zu tun hat, dass ich Priester bin? Darüber habe ich mir, ehrlich gesagt, noch keine Gedanken gemacht. 

Jedenfalls erlebe ich auch im kirchlichen Umfeld keinen Rassismus. 

Ganz im Gegenteil: Ich habe gute Kontakte zu den Menschen meiner Pfarrei, sie unterstützen sogar soziale Projekte in Indien, die mir am Herzen liegen. Zum Beispiel die Bildung von Kindern, die sonst keine Chance hätten, eine Schule zu besuchen. 

In zwei Kirchorten meiner Pfarrei bin ich verantwortlich für die Erstkommunion und freue mich, dass die Kinder meine Angebote gern annehmen. Durch sie lerne ich auch, mich im Deutschen richtig auszudrücken. Sie haben keine Scheu, mich zu verbessern, wenn es mit der Aussprache mal hapert. 

Am Anfang meiner Priestertätigkeit im Bistum Limburg habe ich allerdings erlebt, das ältere Menschen, denen ich im Namen ihrer Pfarrei zu einem runden Geburtstag gratulieren und ein Geschenk überreichen wollte, mich wieder weggeschickt haben, weil sie mich nicht kannten. Das kann ich sogar verstehen. Vielleicht hatten sie Angst vor mir, vor dem Fremden. 

Um Rassismus entgegenzutreten, sollte die Kirche, die Kirchengemeinde einladend sein. Die Kultur, dass bei uns jeder willkommen ist, muss weitergehen. Und zwar mit einem freundlichen Lächeln, das dem Fremden das Gefühl gibt, sich bei uns wohlzufühlen. 

Ob ich in Zukunft in Deutschland bleiben oder in meine Heimat zurückgehen werde, weiß ich nicht. Mein Ordensoberer entscheidet, wo er mich wann hinschickt. Und ich werde dem Folge leisten.“ 

Pater Jaison Adakkaparambanvarghese (37) gehört dem Institut der Schönstatt-Patres an. Er ist Kooperator der Pfarrei St. Laurentius Nentershausen. 

Protokolliert von Heike Kaiser

 

„Manchmal werde ich angepöbelt“ 

„Obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin, wird mir öfter gesagt, dass ich sehr gut Deutsch sprechen würde oder ich ja gar keinen Akzent hätte. Außerdem werde ich häufig gefragt, wo ich eigentlich herkomme, und wenn ich daraufhin antworte: ,Ich bin in Deutschland geboren‘, wird trotzdem immer wieder nachgehakt, wo ich ursprünglich herkomme, beziehungsweise wo meine Eltern oder Großeltern herkommen. Auch werde ich relativ oft auf der Straße von Fremden mit ,Ni hao‘ (Chinesisch: hallo), ,Konichiwa‘ (Japanisch: guten Tag) oder ,Ching Chang Chong‘ (Chinesischer Name des Spiels Schere, Stein, Papier) angesprochen oder sogar angepöbelt. 

Ji-HeeAls Kind musste ich mir auch Sprüche anhören wie ,mach mal deine Augen richtig auf‘, ,siehst du überhaupt richtig‘, ,klemm dir doch mal Zahnstocher zwischen die Augen‘ oder ,Schlitzauge‘. 

Im kirchlichen Umfeld passiert das aber eher selten. Manchmal sind Menschen erstaunt, wenn ich sage, dass ich römisch-katholisch bin, weil sie denken, in Asien sei Christentum nicht so sehr verbreitet. 

Der erste Schritt gegen Rassismus fängt damit an, dass jeder Mensch selbst darüber nachdenkt, welche rassistischen Äußerungen oder Taten er getan hat und bei sich anfängt, etwas zu ändern. Die Kirche kann dabei helfen, ein Ort zu werden, in dem diese kritische Reflexion stattfindet. 

Einerseits ist vorstellbar, dass gerade in Predigten Rassismus thematisiert wird. So könnten die Predigten eine Art Orientierung bieten, wie der Rassismus mit christlichen Werten und Praktiken bekämpft werden kann. Andererseits wäre auch denkbar, dass die Kirche Sensibilisierungskampag-nen startet, damit innerhalb der Kirche kein rassistisches Verhalten toleriert wird. Diese Kampagnen könnten an einzelne Altersgruppen angepasst werden. 

Darüber hinaus könnten die Kirchen untereinander einen offeneren Austausch führen. Zusätzliche Veranstaltungen zwischen den Gemeinden wären hilfreich, um die Kommunikation unter Gläubigen zu fördern und um die Kulturen beziehungsweise die Religionen besser kennenzulernen.“ 

Ji-Hee Sun (27) studiert Betriebswirtschaftslehre. Sie ist Mitglied der Koreanischen Katholischen Gemeinde Frankfurt. Dazu gehören Gläubige aus den Diözesen Limburg, Freiburg, Fulda, Mainz, Rottenburg- Stuttgart, Speyer und Trier. 

Protokolliert von Heike Kaiser

 

 

„Oft steckt Rassismus in der Sprache“ 

„Der Rassismus und die Polizeigewalt in den USA haben viele Menschen schockiert. Aber Rassismus ist nicht nur ein Problem, weil die Medien gerade darüber berichten. So schlimm wie in den USA ist die Lage in Deutschland wahrscheinlich nicht – aber auch hier ist Rassismus ein Thema. Rassismus gibt es nicht nur heute, sondern jeden Tag, und er kann immer passieren! 

LuseyiEs geht hier um Rassismus gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe. Ich komme aus der Demokratischen Republik Kongo, seit mehr als 25 Jahren lebe und arbeite ich in Deutschland, habe in Münster Betriebswirtschaftslehre, Außenwirtschaft und Marketing studiert. Ich war in zwei Firmen tätig, jetzt im Bischöflichen Ordinariat in Mainz. Zudem bin ich im Fachkreis für Migration und Entwicklung von ELAN Rheinland-Pfalz ehrenamtlich unterwegs und bekomme viel mit von Alltagsrassismus, den Geflüchtete erfahren. Leider sterben auch in Deutschland Menschen wegen ihrer Hautfarbe. Der Afrikaner etwa, der sich 2005 in Dessau angeblich in der Haft in seiner Zelle selbst verbrannt hat: Afrikaner kennen keinen Selbstmord, das entspricht nicht unserer Kultur. 

Ich habe Rassismus damals an der Universität erlebt, auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, etwa wenn jemand im Bus aufsteht, wenn ich mich hinsetze. Ich denke, jemand will aussteigen, aber nein, er will nicht neben mir sitzen. 

Alltagsrassismus hat viele Gesichter. Nicht selten erlebe ich Rassismus bei älteren Menschen. Einmal hatte eine ältere Frau mich angesprochen und gefragt: Putzen Sie? Oder sind Sie Pflegerin in einem Altenheim? Wenn jemand kein weiteres Interesse an meiner Person hat, schmunzele ich bei solchen Fragen und sage nichts. Aber die Frau hat weitergefragt. Die Frage dieser ältere Dame hat mich sehr nachdenklich gemacht und zugleich irritiert. Ich fragte sie: Gibt es denn nur zwei Berufe, die Afrikaner ausüben können? Oft steckt Rassismus in der Sprache. In den 1990-er Jahren wurde oft von Farbigen gesprochen. Wer sind ,Farbige‘ denn? Habe ich denn eine Farbe auf der Haut, die man abwaschen kann? 

Ich möchte appellieren, Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe zu beurteilen, auch nicht nach ihrem wirtschaftlichen Status. Der Mensch als Ganzes muss gesehen werden, sein Charakter, seine Fähigkeiten und alles andere, das muss man erst mal kennenlernen. In Zeiten wie diesen wünsche ich mir, dass Menschen sich mit Rassismus auseinandersetzen. Wir sollten anfangen, über unser Leben zu reflektieren, und uns solidarisch zeigen mit Menschen anderer Hautfarbe, Kultur, Religion. Wir sind alle Geschöpfe Gottes!“ 

Luseyi Kuelusukina, tätig in der Geschäftsstelle Weltmission / Gerechtigkeit und Frieden, Bischöfliches Ordinariat Mainz 

Protokolliert von Anja Weiffen