28.07.2020

Gebetsserie: Geistliche Tagebücher

Schreiben hilft beim Beten

Gebetbücher sind eigentlich zum Lesen da. Aber man kann auch ein geistliches Tagebuch schreiben. Aus alltäglichen Begebenheiten, eigenen Überlegungen und fremden Impulsen wächst ein Schatz für das ganze Leben.

Schwester Ursula Wahle ist Benediktinerin und lebt in Osnabrück
"Gott erwartet nicht, dass wir etwas schreiben, das den Literatur-Nobelpreis bekommt", sagt Schwester Ursula Wahle. Die Benediktinerin schreibt geistliches Tagesbuch. 

Von Kerstin Ostendorf 

Mit 14 Jahren hat Schwester Ursula Wahle angefangen, Tagebuch zu schreiben. Ihre Patentante schenkte ihr damals das Buch zur Firmung. „Das Schreiben habe ich danach nie wieder aufgegeben“, sagt Wahle, die als Benediktinerin vom Heiligsten Sakrament in Osnabrück lebt. Inzwischen schreibt sie ein geistliches Tagebuch, spricht darin Gott oder Jesus direkt an, erzählt von ihren Gedanken,  ihrem Alltag, ihren Sorgen. Das könne jeder Gläubige tun, sagt Schwester Ursula. „Wir sollten dabei keine Angst vor der Banalität haben. Gott erwartet ja nicht, dass wir etwas schreiben, das anschließend den Literatur-Nobelpreis bekommt.“ Man dürfe alles notieren, was einem wichtig erscheine. „Wenn ich das Gefühl habe, das hat etwas mit mir zu tun und ich könnte in diesem Moment mit Gott in Berührung gekommen sein, dann schreibe ich es auf“, sagt sie. 

Ein geistliches Tagebuch verknüpft den Alltag mit dem Gebet, etwa wenn Schwester Ursula sich um die Obdachlosen am Kloster kümmert. „Da kommt es immer wieder auch zu Konflikten der Obdachlosen untereinander oder mit den Nachbarn. Das beschäftigt mich dann“, sagt sie. Ihre Gedanken notiert sie in ihrem Tagebuch. Dort fragt sie Gott: Wie soll ich damit umgehen? Wo bist du jetzt? Was kann ich tun? Insofern ist das Schreiben für sie eine Form des Gebets. „Beten heißt ja, mit Gott in einer Beziehung zu stehen. Wenn ich mich allein auf die Liturgie beschränkte, dann hätte ich wenig Raum, mich auszudrücken.“

Auch ihre Mitschwester Bernadette Tonne führt ein geistliches Tagebuch. „Für mich ist es wichtig, meine Erfahrungen mit Gott im Gebet aufzuschreiben. Wenn ich mir die Einträge durchlese, sehe ich neue Zusammenhänge und lerne mich selbst und mein geistliches Leben besser kennen“, sagt die Benediktinerin. 

"Ein persönlicher Gebetsschatz" 

Beide Ordensfrauen schreiben aber auch regelmäßig Zitate aus der Bibel oder anderen spirituellen Büchern in ihre Tagebücher. „Ich muss nicht alles aus mir heraus schreiben. Ich darf mir auch geistliches Futter suchen und mich davon auf eine Spur bringen lassen“, sagt Schwester Ursula. Schwester Bernadette verknüpft die Texte mit ihrem Leben. „Ich frage mich: Wie wirkt der Text auf mich? Welchen Bezug hat er zu meinem Leben? Wo habe ich schon einmal Ähnliches erlebt? Was stößt mich auch ab? Und was sehe ich kritisch?“ 

Zum Schreiben ziehen sich beide gerne zurück, entweder in die Gebetsecke ihrer Klosterzelle oder in die Kapelle. „Wenn ich dort im Stillen sitze, bin ich auch im Dialog mit dem Heiligsten Sakrament. Das ist das Geheimnis, aus dem ich lebe. Die intensive Beschäftigung mit den biblischen Texten und anderer Literatur erweitert meine eigenen Gedanken und öffnet meinen Horizont für das Gebet“, sagt Schwester Bernadette.

Niemals dürfe das Tagebuchschreiben aber zu einer Pflicht werden, sind sie sich einig. Auch eine Schreibpause könne guttun. „Ich habe eine Weile versucht, jeden Tag etwas zu schreiben“, sagt Schwester Bernadette. „Das habe ich drei Monate durchgehalten. Dann merkte ich, dass mir die Luft ausging.“ Später kehrte der Wunsch, ihre Gedanken zu notieren, zurück. „Dann ist es so, dass ich kaum so schnell schreiben kann, wie ich denke. Es fließt mir aus der Feder, weil ich immer über Dinge schreibe, die ich erlebt habe und die mir hautnah gehen.“

Beide Ordensfrauen bewahren ihre Tagebücher auf. „Das ist ein persönlicher Gebetsschatz für mich, auf den ich gerne zurückgreife. Das, was ich einst geschrieben habe, gibt oft den Anstoß zu neuen Gedanken“, sagt Schwester Bernadette. Und Schwester Ursula blättert gern zurück, wenn „ich mich mit einer Lebensphase, noch einmal intensiver befassen möchte“.