24.11.2021

Ist das Fortschritt oder neue Schublade?

Seelsorger für LSBTI

Im Bistum Limburg werden Lesben, Schwule, Bi-, Trans-und Intersexuelle (LSBTI)  willkommen geheißen. Dr. Susanne Gorges-Braunwarth und Holger Dörnemann sind die neuen Beauftragten, um den Kontakt zu den Menschen herzustellen. Warum gibt es diesen Auftrag? Und wie gelingt die Kommunikation?


An zahlreichen Kirchen im Bistum Limburg wehte in den vergangenen Monaten eine Regenbogenfahne – das Symbol der Homosexuellenbewegung.


Frau Gorges-Braunwarth, was hat es mit der Beauftragung als LSBTI-Seelsorgerin auf sich?
Die Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen unterschiedlicher sexueller Identität und Orientierung beschäftigt schon seit Längerem verschiedene synodale Gremien im Bistum Limburg. Der Diözesansynodalrat würdigt ausdrücklich Partnerschaften, in denen Menschen Fürsorge und Verantwortung übernehmen, und schließt damit auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften ein.
Dazu gehört es auch, Verständnis und Respekt im Umgang mit Diversität in den Pfarreien und Einrichtungen auf allen Ebenen des Bistums zu fördern.
Insofern sind das Anliegen und die daraus erwachsene Beauftragung nicht überraschend, sondern Folge eines längeren Prozesses.

Wie sieht das Konzept aus?
Die Beauftragung als Kontaktperson für Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuelle Menschen teile ich mit dem Kollegen Holger Dörnemann. Damit wird bereits etwas von der Vielfalt abgebildet, für die wir stehen wollen. Wir geben dem Thema ein Gesicht und übernehmen eine Anwaltschaft, sind ansprechbar und entwickeln ein Konzept. Ein Baustein darin ist die Vermittlung zu bestehenden Angebote etwa zur queeren Jugendarbeit, zu Angeboten der Homosexuellen- Seelsorge in Frankfurt oder Projekten wie „Zwei und alles“ – Angebote für Paare gleich welcher sexueller Orientierung.
Ein weiterer Baustein wird die Information und Förderung von Akzeptanz in unseren Pfarreien und Einrichtungen sein. Auch Angebote für Angehörige halten wir für wichtig. Ein wirkungsvolles Vorgehen wird nicht ohne Beteiligung von Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung erarbeitet werden können.  

Warum wurden diese Stellen jetzt im Bistum geschaffen?
Die Beauftragung ist zum einen Folge des eingangs beschriebenen, längeren Prozesses. Aber auch im Synodalen Weg hat sich Bischof Georg Bätzing deutlich positioniert, die Lebenswirklichkeit von LSBTI-Menschen in den Blick zu nehmen und die katholische Sexualmoral einer Neubewertung zu unterziehen.

Was qualifiziert Sie für diese Stelle?
Aus meiner vorhergehenden Aufgabe in der Frauenarbeit und in meinem jetzigen Verantwortungsbereich für die Seelsorge in besonderen Lebenslagen, bringe ich Erfahrung mit Diskriminierung und Kenntnisse im Umgang mit Krisensituationen mit. Eine diakonische Kirche in der Nachfolge Jesu findet ihren Ort an der Seite der Ausgegrenzten und Diskriminierten.

Hatten sie vorher Kontakt zu den Betroffenen?
Soziologische Studien schätzen den Anteil homosexueller Menschen mit fünf bis zehn Prozent  in allen gesellschaftlichen Schichten. Beruflich habe ich Kontakte mit LSBTI-Personen, ebenso in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Die gesellschaftliche Wirklichkeit um uns herum ist längst vielfältig, und unterschiedliche sexuelle Orientierung findet weitgehend Akzeptanz.

Werden diese Menschen nicht gerade wegen einer „besonderen“ Seelsorge in ihrer Schublade belassen und ausgegrenzt?
Seelsorge muss sich in allen Lebenslagen sensibel auf die Anliegen und Bedarfe der Rat- und Hilfesuchenden einlassen. Die Seelsorge für LSBTI-Personen ist nur ein Aspekt. Die Förderung von Toleranz, Wertschätzung und Diversität, zielt nicht auf eine einzelne Zielgruppe, sondern auf die ganze Kirche.

Ist so etwas auch für andere Gruppen, zum Beispiel Wiederverheiratete, in Planung?
Eine Ehe- und Familienpastoral haben wir seit vielen Jahren im Bistum. Hier sehe ich unterschiedliche eheliche Lebensgemeinschaften und Familienformen gut aufgehoben.

Wie erreichen Sie die Menschen mit diesem Angebot?
Eine gute Kommunikation und Vertrauen sind für den Kontakt in die queere Community entscheidend. Wir nutzen bereits bestehende Initiativen und Akteure, um mit LSBTI-Personen und ihren Angehörigen ins Gespräch zu kommen.

Interview: Barbara Faustmann