03.07.2019

Sommerserie 2019 – Teil 1

Löcher im Stein stammen von Teufelskrallen

Um „Kraftorte“ geht es in den sechs Folgen der Sommerserie. Die erste Station befindet sich in einem kleinen Dorf. Dort steht ein übermannhoher Findling, der Wotanstein. Was dieser Block aus Quarzitstein mit dem Holz der Donareiche und Bonifatius zu tun hat, wird hier erzählt. Von Hans-Joachim Stoehr.

Der Wotanstein im Spiel von Licht und Schatten unter vier Eichen. | Foto: Hans-Joachim Stoehr
Der Wotanstein im Spiel von Licht und Schatten unter
vier Eichen. Foto: Hans-Joachim Stoehr

Der Steinblock ist zwei Meter hoch – und sollte deshalb nicht schwer zu finden sein. Im Falle des Wotansteins trifft dies jedoch nur bedingt zu. Wer im digitalen Kartenprogramm „Google Maps“ den Begriff „Wotanstein“ eingibt, dem wird eine Örtlichkeit in der Dorfmitte von Maden angezeigt. Hilfreicher ist da schon eine Beschreibung auf verschiedenen Seiten des Internets, wonach sich der Stein am Ortsausgang von Maden in Richtung des Nachbarorts Obervorschütz befindet. Von der Straße aus ist aber kein Megalith zu sehen. Als Megalithen werden große, oft unbehauene Steinblöcke bezeichnet, die als Bausteine für Grab- und Kultanlagen benutzt oder als Monolithe aufgerichtet und in Steinsetzungen platziert wurden. Das weltweit berühmteste Beispiel hierfür ist die Anlage von Stonehenge in Südengland. 

Ein – wenn auch kleines – Hinweisschild weist den Weg. Vorbei an einem Kleingarten links und einem betonierten Platz, aus dessen Ritzen sich Klatschmohn und andere Pflanzen den Weg bahnen, kommt der Stein in den Blick. 

Der Wotanstein steht inmitten eines Quadrats, an dessen Enden jeweils vier Eichen stehen. Drei davon weisen durch die Dicke ihres Stamms darauf hin, dass sie schon älter sind. Verglichen damit ist der schlanke vierte Baum offensichtlich ein Jungspund.

Still ist es an dem Ort. Die Sonne scheint durch Äste und Blätter der Bäume. Den Teufel bringt niemand mit diesem friedlichen Ort in Verbindung. Und doch wird der Widersacher nach einer Sage dafür verantwortlich gemacht, dass der Menhir aus Quarzit an dieser Stelle steht. Fakt ist jenseits der Sage, dass es rund um Maden keine Quarzitvorkommen gibt. Die finden sich erst im 25 Kilometer entfernten Borken. Das heißt: Der Stein in Maden muss dorthin geschafft worden sein. Oder aber von jemand Übermenschlichen dorthin geworfen worden sein. Womit wir wieder beim Teufel wären.

Die Sage besagt, dass der Herrscher im Reich des Bösen die von Bonifatius errichtete Kirche im nordhessischen Fritzlar zerstören wollte. Nach dem Fällen der Donareiche hatte Bonifatius das Gotteshaus aus dem Holz des Baumes 723 errichtet. 

Von wo aus der Teufel den Stein warf, darüber gibt es unterschiedliche Ortsangaben. Einmal wird der nördlich von Gudensberg gelegene Lotterberg genannt, auf dem sich bis in die Gegenwart einige Hügelgräber erhalten haben. Räumlich näher gelegen ist die nordöstlich von Maden gelegene Basaltkuppe – Mader Kuppe –, die an dieser Stelle aus dem Hügelland herausragt. 

Unterschiedliche Varianten gibt es auch bei der Erklärung, weshalb der Stein nicht nach Fritzlar flog, sondern zehn Kilometer Luftlinie zuvor auf einer Wiese einschlug. Eine Sage besagt, dass der Stein im Ärmel des Teufels hängen blieb und deshalb unweit der Mader Kuppe auf dem Boden landete.

Einer anderen Überlieferung zufolge ist der Gottesstreiter und Erzengel Michael dafür verantwortlich, dass der Stein sein Ziel in Fritzlar nicht erreichte. Demnach schleuderte der Teufel einen wuchtigen Stein in Richtung Fritzlar. Der Erzengel Michael war aber zur Stelle und fing den Stein mit seinem Schild auf, so dass er in der Gemarkung Maden Richtung Obervorschütz niederfiel. Mit dem Teufel wurden auch die Löcher im Wotanstein in Verbindung gebracht. Sie sollen von seinen Krallen stammen. 

Steine und Berge üben Anziehungskraft auf die Menschen aus

Große Steine und Berge üben auf Menschen und Religionen schon immer eine besondere Anziehungskraft aus. Das Massive, feste, schwer Zerstörbare lässt sich auch mit Ewigkeit in Verbindung bringen. Da erstaunt es nicht, dass Altäre aus Stein waren und sind. Völker haben dies auch schon in vorchristlicher Zeit praktiziert. Deshalb war die Stätte in Maden für die dort siedelnden Chatten ein zentraler Punkt. 

Die Vorfahren der heutigen Hessen hatten in Maden einen zentralen Versammlungsort mit einer Gerichtsstätte. Einem Ort also, wo sich die Stammesmitglieder trafen, um zu beraten und Dinge zu entscheiden. Darauf weist auch die Bezeichnung „Malstein“ hin, die für den Wotanstein verwendet wird. 

Abwurfstelle: Laut einer Sage soll der Teufel von der Mader Kuppe den großen Stein geworfen haben. | Foto: Hans-Joachim Stoehr
Abwurfstelle: Laut einer Sage soll der Teufel von der Mader Kuppe den großen
Stein geworfen haben. | Foto: Hans-Joachim Stoehr

Den Teufel als Steinewerfer gibt es nicht nur in der Sage vom Wotanstein. So wird in einer Legende aus dem Leben des heiligen Heimerad (gestorben 1019) etwas Ähnliches berichtet. Heimerad lebte als Einsiedler auf dem Hasunger Berg etwa 20 Kilometer nördlich von Maden/Gudensberg. Demnach erkannte Hemmo, ein Freund Heimerads, eines Tages beim Aufstieg zum Berg den Teufel, der mit einem großen Felsbrocken die Bäume am Berg zerschmetterte. Hemmo bekreuzigte sich und setzte mutig den Aufstieg fort, denn Heimerad hatte diesen Angriff vorausgesehen und Hemmo ermahnt, sich nicht zu fürchten, sondern sich zu bekreuzigen. 

Wer heute durch Maden fährt, kann sich nur schwer vorstellen, dass dieser Ort geschichtsträchtig ist. Die Straßen mit vielen Fachwerkhäusern unterscheiden sich kaum von den anderen Dörfern und Städten an Fulda, Eder und Schwalm sowie den kleinen Zuflüssen Ems und Efze. Aber in der Zeit des Bonifatius war Maden das Zentrum der Region, die von den Chatten besiedelt wurde. Die Chatten wiederum gelten als die Vorläufer der heutigen Hessen. 

Tochter der heiligen Elisabeth verhilft ihrem Sohn in Maden zum Thron

Besonders ein Ereignis sorgte dafür, dass Maden als Wiege des Landes Hessen gilt. Dabei spielt die neben Bonifatius zweite Patronin des Bistums Fulda, die heilige Elisabeth, eine wenn auch nur indirekte Rolle. Ihre Tochter Sophie von Brabant stellte für ihren Sohn Heinrich Ansprüche auf das Erbe ihres Onkels Heinrich Raspe in Hessen und Thüringen. Sie ließ ihren dreijährigen Sohn 1247 auf der Mader Heide bei Gudensberg von zahlreichen hessischen Adeligen und vom Deutschen Orden als rechtmäßigen Erben bestätigen. 1292 wurde der dann fast 50-Jährige der Erste in der langen Reihe der Landgrafen von Hessen. Heinrich war es auch, der später das nordhessische Kassel zu seiner Residenzstadt auserwählte.

 

TIPPS: Fachwerk – Dom – Burgen

  • Nicht nur in Maden gibt es für Freunde von Fachwerkhäusern vieles zu sehen. In die Fachwerkstadt Melsungen sind es nur 15 Kilometer von Maden aus, zehn nach Fritzlar. Dort lohnt neben dem Marktplatz mit seinen Fassaden von Fachwerkhäusern vor allem ein Besuch des Doms. 
  • Am Marktplatz in Fritzlar liegt die Gaststätte „Das Nägel“. Auf der Speisekarte stehen eine Vielzahl von österreichischen Spezialitäten und andere Köstlichkeiten. Geöffnet ist es von 9 bis 24 Uhr. Montag ist Ruhetag.
  • Für Familien mit Kindern lohnt sich ein Aufstieg zu einer der Burgen in und um Gudensberg. Burganlagen finden sich in Gudensberg, Felsberg und auf dem Heiligenberg östlich von Gensungen. (st)

 

GESPÜRT: Unverrückbar und massiv?

Wind und Wetter können diesem Stein nicht anhaben. Das Rauschen der Bäume angesichts des kräftigen Windes rührt den Stein nicht an. Er steht unverrückbar fest – auch, weil er in der Erde eingegraben ist. Was fasziniert mich an einem solchen „Findling“? Klar – die Größe. Der Megalith ragt mir über den Kopf. Er hat zwar bei weitem nicht die Größe der Steine in dem englischen Stonehenge. Aber dennoch: Die Massivität wirkt. Durch den Wind wechseln Licht und Schatten auf der Oberfläche des Steins ab. Dadurch wirkt der Stein lebendig. Allerdings anders als die Äste der Bäume, die den Quarzitblock umgeben. Sie sind ständig in Bewegung, blühen auf im Frühjahr und vergehen im Herbst. Steine stehen hingegen für das Unveränderbare, Ewige.
Hans-Joachim Stoehr