04.09.2019

Interview mit Martin Matl zum Tag des offenen Denkmals

Die Vielfalt macht’s am Denkmaltag

Kirchentüren für alle öffnen: Der kommissarische Fuldaer Diözesanbaumeister Martin Matl wirbt anlässlich des Denkmaltags am 8. September um einen frischen Blick auf modernen Kirchenbau – wie auf die Seminarkapelle von Sep Ruf in Fulda. Er sieht den Tag als Chance. Von Ruth Lehnen.

„Modern(e) Umbrüche in Kunst und Architektur“ lautet diesmal das Thema beim Denkmaltag. Beim Stichwort „Moderne“ denkt man ja nicht zuerst an ein Denkmal? 

Genau das ist der Grund, warum die Moderne für Denkmalpfleger so spannend ist: Die modernen Künstler und Architekten wollten sich frei machen von allen Fesseln der Tradition, aber die Geschichte hat die Moderne längst eingeholt. Sie ist ein Teil unserer Tradition geworden. Was bedeutet sie uns? Was ist sie uns wert? Diese Fragen müssen wir heute beantworten. 

Sie bringen Besuchern am Denkmaltag die „Seminarkapelle“ von Sep Ruf näher. Warum ist die Kapelle ein gutes Beispiel fürs diesjährige Motto? 

Modern(e): Im Innenraum der Seminarkapelle Fulda wird der Blick nach oben, zum Licht gezogen. Architekt Sep Ruf stimmte alle Details genau aufeinander ab. Geweiht wurde die Kapelle im Oktober 1968. Foto: Bistum Fulda/Johanna Anders
Modern(e): Im Innenraum der Seminarkapelle Fulda wird der
Blick nach oben, zum Licht gezogen. Architekt Sep Ruf
stimmte alle Details genau aufeinander ab. Geweiht wurde
die Kapelle im Oktober 1968.
Foto: Bistum Fulda/Johanna Anders

Die Seminarkapelle ist ein herausragender moderner Kirchenbau, der aufgrund seiner besonderen Qualität in die bundesweite Auswahl „Straße der Moderne – Kirchen in Deutschland“ aufgenommen wurde. Er steht zudem mitten im Herzen des historischen Dom- und Klosterbezirks von Fulda. Da fragt man sich: Geht das zusammen? Ich meine: Ja, es geht zusammen und es ist sehr interessant herauszufinden, wie man das damals gemacht hat. 

Sep Ruf, der die Seminarkapelle in Fulda geplant hat, ist berühmt geworden als Architekt des Kanzlerbungalows in Bonn. Wissen genügend Fuldaer, dass in der Stadt nicht nur berühmte Barockbaumeister am Werk waren?

Was fehlt, ist so etwas wie eine „Heimatkunde der Moderne“. Die Moderne ist nichts Abstraktes, das von irgendwoher über die Welt ausgegossen wurde. Menschen hier am Ort haben sie gestaltet und dafür über den Tellerrand hinausgeschaut. Höchst ungewöhnliche Allianzen haben sich da ergeben. Sep Ruf, Georg Meistermann und Fritz Koenig, die die Seminarkapelle gestaltet haben, gehörten zu den Besten ihrer Zeit. 

In einem anderen Fall, der bis 1929 zum Bistum gehörenden Frauenfriedenskirche in Frankfurt, waren es die kirchlichen Frauenverbände, die die örtliche Kirchengemeinde mit der Avantgarde des Kirchenbaus in Kontakt brachten. Das heute nachzuvollziehen und bekannt zu machen, lohnt sich. Und längst interessieren sich auch viele dafür. 

Die modernen (Kirchen)bauten erfreuen sich nicht immer großer Beliebtheit. Gerade die Betonbauten des Brutalismus wurden und werden vielerorts abgelehnt. Wie gefährdet ist die „ungeliebte Moderne“? 

Man darf nicht vergessen, dass die Moderne nicht nur eine Industrialisierung des Bauens mit sich brachte, sondern auch eine Umwälzung aller Lebensbereiche, bis hin zu einer Industrialisierung des Tötens. Die Moderne steckt voller innerer Widersprüche und Verwerfungen. Das bauliche Erbe der Bunker, der Konzentrationslager, der Prunkbauten des Nationalsozialismus, das sind die wirklich problematischen Denkmäler. 

Die Kirchen sind da manchmal näher dran, als man denken könnte. Beispielsweise die 1965 in ein ehemaliges Kriegsgefangenenlager hinein gebaute Kirche Maria Hilf in Trutzhain, die für dort neu angesiedelte Heimatvertriebene errichtet wurde. Mit dem Kirchenbau konnte der Ort neu geprägt werden. Wenn die Kirche sich heute bemüht, diesen Ort unter wiederum völlig gewandelten Randbedingungen zu erhalten, ist das nicht selbstverständlich. 

Die auseinandergehenden Meinungen über die Schönheit von Sichtbetonbauten sind demgegenüber heute nicht mehr wirklich spannend. Da gibt es neben Begeisterung und Ablehnung doch auch ein hohes Maß an Pragmatismus.

Was ist die besondere geschichtliche Qualität dieser Bauten?

Martin Matl Foto: privat
Martin Matl, 
Diözesanbaumeister
in Fulda, Foto: privat

Die documenta im Jahr 2007 hatte als Leitfrage gestellt: „Ist die Moderne unsere Antike?“ Da ist mit einem Augenzwinkern diese geschichtliche Bedeutung formuliert. Was wir an technischen und gestalterischen Freiheiten für selbstverständlich halten, musste erst mühsam entwickelt und erprobt werden. Das ist heute das Fundament unseres Alltags.

Die modernen Kirchenbauten sind darüber hinaus Zeugnisse der großen Auseinandersetzung der Kirche mit den gesellschaftlichen und intellektuellen Entwicklungen ihrer Zeit im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dass die Kirche einen so bedeutenden Beitrag zur Kunst und Architektur der Moderne leisten konnte, wurde damit überhaupt erst denkbar.

Vor welche Probleme stellen diese Bauten die kirchliche Denkmalpflege?

Die ungeheuerliche Experimentierfreude mit neuen Materialien, Konstruktionen und Formen, die damals das Bauen prägte, hatte gravierende Folgen. Auch bei Restaurierungen wurde mit neuen Materialien gearbeitet. Das Alterungsverhalten dieser Stoffe war noch unbekannt, teilweise war es verheerend. Betonsanierung, Flachdachsanierung, Kunststoffverbindungen, Wärmebrücken, davon können viele (nicht nur kirchliche) Bauherren ein Lied singen. In vielen Bereichen ist es immer noch schwierig, die Schäden zu beheben, ohne die ästhetische Qualität zu verlieren. 

Wie wichtig ist für die Kirche der Denkmaltag? Sehen Sie ihn als Chance, Menschen zu erreichen, die sonst eher nicht erreicht werden? Hier öffnen sich ja manche Türen, die sonst meist verschlossen sind.

Aktuell bemühen sich viele in der Kirche, mit neuen Formaten Menschen zu erreichen, die ihre traditionellen religiösen Bindungen verloren haben. Das ist nicht nur wichtig, um diese Menschen wieder mit der Kirche in Kontakt zu bringen. Vielmehr können diese Menschen uns helfen, einen anderen Blick auf uns selbst als kirchliche Gemeinschaft zu werfen. Die Kirche ist immer in Gefahr, zu viel um sich selbst zu kreisen und abgeschlossene Zirkel zu bilden, die sich selbst genügen. Die Christen sind ja in die Welt hinaus gesandt, und erst im Austausch mit der vielfältigen Wirklichkeit nehmen sie ihren Auftrag wahr.

Können Sie uns einige Highlights des Denkmaltags aus dem Bistum Fulda nennen?

Hervorheben möchte ich das abwechslungsreiche Programm, das der Förderverein der Kapelle St. Brigida auf dem Büraberg bei Fritzlar auf die Beine stellt. Mit ihren vorbonifatianischen Bauteilen stellt diese Kapelle gewissermaßen das andere Ende der großen Zeitachse christlicher Bauten im Bistum dar. Aber auch im Fritzlarer Dom, in Kirchhain-Stausebach, in Stadtallendorf-Niederklein, auf dem Florenberg bei Fulda oder in der Kapelle des Kasseler Elisabeth-Krankenhauses gibt es Angebote in sakralen Denkmälern, die mit viel Engagement vor Ort organisiert werden. Die Vielfalt macht’s!

Zur Sache


Die Seminarkapelle des Priesterseminars ist ein ungewöhnliches Bauwerk mitten in Fuldas Dombezirk. Warum entstand hier, in Sichtweite von Dom und Michaelskirche im Jahr 1968 ein weiterer Sakralbau, warum wurde er so und nicht anders gestaltet? Wer waren die beteiligten Künstler und Architekten? Wie fügt sich der Bau in seine Umgebung ein? Umbrüche nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Kirche prägten diesen Kapellenbau, der aufgrund seiner besonderen Qualität in die bundesweite Auswahl „Straße der Moderne – Kirchen in Deutschland“ aufgenommen wurde: www.strasse-der-moderne.de

www.tag-des-offenen-Denkmals.de