11.06.2021

Pro und Contra

Tattoos in der Kirche stechen lassen?

Tattoos sind modern. Auch bei Christen. Aber ist die Frankfurter Liebfrauenkirche der passende Ort, um sich ein religiöses Motiv unter die Haut stechen zu lassen? Das hat die katholische Erwachsenenbildung nämlich vor: Der Tattoo-Künstler Dennis-Silas Beck wird Gewinnern eines Wettbewerbs am 1. und 2. Oktober dort ihr Wunschbild stechen. Zwei Meinungen dazu:


Tattoos sind für viele Menschen auch eine Form des Glaubensbekenntnisses. Aber ist eine Kirche der richtige Ort, um sich ein solches Zeichen in die Haut stechen zu lassen?

 

PRO: Sich das Wunschtattoo zum Thema Glaube oder Spiritualität in einer Kirche stechen lassen – darf man das? Schließlich gibt es allgemeine Grundsätze für ein angemessenes Verhalten in einem Gotteshaus. Soll man sich darüber hinwegsetzen, nur um das Kirchenschiff für Leute spannend zu machen, die sonst nicht hineingehen?
Doch – es sind religiöse Tätowierungen, um die es geht. Wer sich diese feinen Linien voraussichtlich für den Rest seines Lebens auf die Haut zeichnen lässt, der ist immerhin bereit zum öffentlichen Bekenntnis des eigenen Glaubens. Der ist vielleicht auch bereit, sich mit anderen auszutauschen über seinen Weg mit Gott. Fast so, als sei er künftig täglich auf einer Einzelkundgebung unterwegs.
Aus der Geschichte ist eine kleine Tradition von solchen Kennzeichen auf der eigenen Haut bekannt. Seit dem 16. Jahrhundert belegen Quellen, dass Jerusalem-Pilger ihre Ankunft mit einer Tätowierung bestätigen ließen. Beliebt waren damals das Wappen der heiligen Stadt sowie Szenen rund um Kreuzigung, Begräbnis, Auferstehung oder Himmelfahrt Christi. Und auch die ersten Christen sollen den stilisierten Fisch oder die Initialen ihres Erlösers auf der Haut als Erkennungszeichen untereinander getragen haben.
Wenn moderner Hautschmuck für den Träger solche Bedeutungen aufgreift – warum nicht? Engel, Kreuze, betende Hände oder Bibelpsalmen als Tattoos im Kirchenraum anzufertigen, das ist schon eine ungewöhnliche Aktion. Aber sie öffnet das Gotteshaus über den Kreis der sonntäglichen Besucher hinaus. Aus meiner Sicht schadet es dem sakralen Charakter einer Kirche nicht, damit sowohl religiös als auch kulturell und gesellschaftlich auf sich aufmerksam zu machen. Der Glaube hat seine Botschaft schon immer auch über Kunst und Ästhetik transportiert. Und ein gutes Tattoo ist ein künstlerisches Medium.
Evelyn Schwab, Redakteurin der Kirchenzeitung

 

CONTRA: Es hilft nichts: Ich bin ein Gestriger. Konservativ. Ein Bewahrer. Und deshalb sage ich: Ein Tattoo-Studio als Event hat in einer Kirche keinen Platz! Hauptsache hipp sein? Das genügt nicht zur Zustimmung. Als kerzenbekränzte Hüpfburg taugt ein Gotteshaus eben nicht.
Nein, ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn sich jemand ein Tintenbild unter die Haut stechen lässt. Wer sich so schöner, selbstbewusster, bekennender … fühlt: bitte schön! Mir sind auch die Motive, die jemand dafür wählt, ziemlich egal. Und wer seinen Körper zur Bilderbibel machen will: nur zu! Für mich ist das aber kein Glaubensbekenntnis. Natürlich: Über viele Jahrhunderte war eine Pilgerfahrt nach Jerusalem für arabische Christen eine Mutprobe – und das tätowierte Kreuz am Handgelenk in der Tat ein Credo. Doch wo leben wir? In Deutschland wird doch viel eher die eigene Haut auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten feil geboten. Mir sind da die Früchte, an denen ich einen Christen erkennen kann, lieber als das Rosenkranz-Motiv in der Lendengegend. Wie treffend ist da das Jesuswort von der Tempelreinigung. Bei Markus (11,17) liest sich das so: „Jesus ging in den Tempel und begann, die Händler und Käufer hinauszutreiben; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um … Er belehrte sie und sagte: Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Haus des Gebets für alle Völker genannt werden? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.“ Schon klar: Das Tätowieren in der Liebfrauenkirche ist nur entfernt ein Produkt des freien Handels auf dem Markt. Trotzdem lenkt Jesus den Blick auf die zentrale Frage: Was ist es wert und würdig, in einer Kirche Platz zu finden? „Ein Haus des Gebets“ – bei aller Liebe zum Mitmenschen: Tätowieren ist kein Beten.
Johannes Becher, Redaktionsleiter der Kirchenzeitung

Buchhinweis: Paul Henri Campbell (Hg.): "Tattoo und Religion", Verlag das Wunderhorn, 192 Seiten, 29,80 Euro