18.10.2017

Techno-Fan und Theologe

Schwarz gekleidet sitzt er auf einem Sofa aus Europaletten und nestelt an seinen Festivalbändchen am Handgelenk. Simon Fachinger engagiert sich in der Jugendkirche Kana in Wiesbaden. Er spricht darüber, woran er glaubt und was die Kirche ändern sollte. Von Sarah Seifen und Julia Hoffmann.

Simon Fachinger in der Jugendkirche Kana Foto: Sarah Seifen
Simon Fachinger möchte in der Kirche nichts radikal ändern.
Für ihn geht das: moderne Lichtwürfel der Jugendkirche
Kana in Wiesbaden zwischen gotischen Mauern. Foto: Sarah Seifen

„Es ist nicht gut, dass es in der Kirche so ausgeprägte Hierarchien gibt“, sagt Simon Fachinger. Denn Kirche solle ja an die Ränder gehen. „Die Armen in der Gesellschaft müssen immer aufschauen und wenn so jemand Anschluss in der Kirche sucht, dann findet er da auch wieder Machtstrukturen und muss wieder aufschauen. Das wirkt abschreckend.“

Zudem finden sich Außenstehende im Kirchenraum nur schwer zurecht, wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Um diesen Leuten das Kennenlernen zu erleichtern, wurde zum Beispiel mal ein Kirchencafé veranstaltet. „Da können wir fremde Leute willkommen heißen und bei einem Kaffee mit ihnen ins Gespräch kommen“, erklärt er.

„Wir“, damit meint der 22-Jährige seine Heimatgemeinde Maria Hilf/ St. Bonifatius in Wiesbaden. Um die Ecke steht sein Elternhaus, hier ist er aufgewachsen, war Messdiener. Später leitete er die Gruppenstunden. Als Jugendlicher lernte er die Jugendkirche kennen, die sich dort eingerichtet hatte. Neben regelmäßigen Gottesdiensten gibt es Jugendtreffs, wie den „Freiraum“ gegenüber der Kirche Maria Hilf. Hierher kommen Schüler nach dem Unterricht kommen.

Vom FSJler zum Theologiestudenten

Über ihm an der Wand des „Freiraums“ hängt ein Bild: Ein Herz aus Kronkorken. Mittendrin das Wort: KANA. „Kana ist meine Gemeinde“, sagt Simon Fachinger. Ein Jahr lang machte er hier nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr. Jetzt lebt der Student zwar in Mainz, doch zu diesen Angeboten zieht es ihn immer wieder zurück nach Wiesbaden. Ein Jugendgottesdienst von Kana findet am Sonntagabend statt. „Das ist einfach entspannter als morgens. Vor allem wenn man am Tag vorher abends weg war“, sagt er und lacht dabei.

Dunkle Jeans, schwarzes T-Shirt mit dem Logo eines Musikfestivals, Piercings im Gesicht, die Kappe falsch herum aufgezogen – so würde man sich einen Theologen nicht unbedingt vorstellen. Dass er nicht in das Klischee eines Theologen passt, ist Simon Fachinger bewusst. Aber er hat positive Erfahrungen gemacht. „Mir hat mal jemand gesagt: Genauso jemanden wie dich brauchen wir in der Kirche. Und da dachte ich, ich darf ich sein, ich muss mich nicht anpassen. Vielleicht sucht einer auch genau so einen Typen wie mich, um sich anzuschließen“, sagt er.

In Mainz hat Simon Fachinger Praktische Theologie an der Katholischen Hochschule studiert. Seine Abschlussarbeit hat er bei Professor Peter Kohlgraf abgegeben, dem heutigen Bischof von Mainz. Als nächstes wird der 22-Jährige Soziale Arbeit studieren. Was Theologie und Soziale Arbeit in Gemeinden trennt, und wo sie miteinander verbunden sind, hat Fachinger in seiner Abschlussarbeit untersucht. Für ihn ist es wichtig, dass beides zusammenwirkt. Dabei ging es ihm etwa um die Frage, wie Sozialarbeiter in Pastoralteams mitarbeiten können.


Kirchenraum für Jugendliche

Neben der Jugendkirche Kana gibt es noch zwei weitere Jugendkirchen im Bistum Limburg: Jona in Frankfurt und Crossover in Limburg.



Wenn das Gewölbe zum Sternenhimmel wird

So sieht es in der Jugendkirche Kana aus.
 



Die Mitarbeiter von Kana räumen die Stühle aus dem Kirchenschiff, wenn ein Jugendgottesdienst stattfindet. Stattdessen gibt es Hocker. Ein Trampolin stand auch schon vor dem Altar. Die Aussage dahinter: Gott fängt dich auf. Dass die Kana-Gottesdienste so gestaltet sind, dass sie Jugendlichen gefallen, findet Simon Fachinger gut. Er findet es reizvoll, die „starre Liturgie“ zu erweitern. Dennoch bleibt der Ablauf der Wandlung zum Beispiel erhalten. Die typischen Elemente eines Gottesdienstes sind vorhanden, aber sie werden anders vorgetragen. „Das Evangelium ist zum Beispiel unterlegt mit Musik, es werden Filme gezeigt oder statt Fürbitten gibt es eine Art Klagemauer, wo die Jugendlichen ihre Wünsche und Bitten aufschreiben können“, erklärt er.

Kirchentür auf, Kappe ab. Das ist für Simon Fachinger selbstverständlich. Ihm geht es nicht um eine radikale Änderung. Er hat nicht die Absicht, irgendjemandem etwas wegzunehmen, der sich im üblichen liturgischen Ablauf eines Sonntagsgottesdienstes wohlfühlt. „Ich möchte das Angebot um verschiedene Nuancen erweitern“, erklärt er. Denn oft treffe er gerade auf junge Menschen, die gläubig sind, und auch Lust dazu hätten, in einen Gottesdienst zu gehen. „Aber sie können einfach manchmal mit der Form nichts anfangen.“ Diese Form werde bei Kana durchbrochen. Scheinwerfer verwandeln die Kirche in ein Farbbauwerk und Bands spielen im Gottesdienst.

Selbstbewusst und voller Gegensätze

Musik ist sein Ding. Vor allem Metal und Techno. Gerade will er mit einem Freund wieder eine Band gründen. Dann wird er Schlagzeug spielen, aber besser sei er an seiner Querflöte. Für ihn sind die verschiedenen Stilrichtungen kein Gegensatz. Er steht zu dem, was ihn ausmacht: „Die Kirche steht und fällt eben mit den Leuten.“ In seinem Freundeskreis ist er der Einzige, der etwas mit Kirche und Religion zu tun hat. „Das wird akzeptiert, aber nicht großartig thematisiert“, erzählt er.

Wenn Simon Fachinger von all dem erzählt, bleibt er sachlich. Im Studium hat er gelernt sich auszudrücken, seinen Glauben verständlich zu machen. Sein „naives Gottesbild“ hat er abgelegt. Auch seine kindliche Vorstellung von Gott. Die Wundergeschichten Jesu hat er zum Beispiel als Kind nie hinterfragt. „Wenn man im Studium die Bibel wissenschaftlich auslegt, verändert sich das“, sagt er. „Ich weiß aber nicht, ob ich das tatsächlich so gut finde. Denn warum soll Jesus zum Beispiel nicht übers Wasser gegangen sein?“

Und wie stellt er sich Gott nun vor? Er stockt, schaut auf seine Armbänder: „Auf jeden Fall positiv.“ Dann passiert etwas in seinem Gesicht. Seine hellblauen Augen blitzen auf, als wäre ihm gerade etwas eingefallen. Dann sagt er: „Er ist ein liebender, vergebender, für mich einstehender Schöpfergott.“