11.02.2021

Trauerbegleitung in der Corona-Pandemie

Trost auf Abstand

Die Corona-Pandemie erschwert die Trauerbegleitung. Angehörige konnten sich nicht richtig von Sterbenden verabschieden; deshalb fällt es ihnen besonders schwer, diesen Tod zu verarbeiten. Wie kann man Trauernden jetzt helfen? 

Eine Frau blickt traurig aus dem Fenster.
Viele Trauernde belastet die Einsamkeit. Nach einem Todesfall ist es wichtig, wieder unter Leute zu kommen
– wegen der Pandemie geht das gerade nicht. 

Von Sandra Röseler 

Am schlimmsten seien die Fantasien, sagt Marianne Bevier. Wenn ein Mensch in der Corona-Pandemie einsam sterbe, belaste es viele Angehörige, nicht zu wissen, wie seine letzten Stunden gewesen sind. Vor kurzem kam eine junge Frau zu ihr, die um ihren Großvater trauerte, der an Covid-19 gestorben war. Sie hatte ihn noch in die Klinik gebracht – und ihn danach nie wieder lebend gesehen. „Sie wusste gar nicht, was mit ihm passiert ist“, sagt Bevier. „Da malt man sich schnell die schlimmsten Dinge aus.“ Etwa, dass sich der Großvater bestimmt furchtbar allein gefühlt und starke Schmerzen gehabt haben müsse. „Meistens sind solche Fantasien schlimmer als die Realität“, sagt Bevier. 

Sie ist katholische Theologin in Mannheim und Vorsitzende des Bundesverbands Trauerbegleitung. Und sie erlebt zurzeit, dass es vielen Menschen in der Pandemie schwerfällt, ihre Trauer zu verarbeiten – auch, weil sie sich oft nicht richtig von ihren verstorbenen Angehörigen verabschieden konnten. „Der Trauerverlauf wird dadurch härter“, sagt sie.

Viele Trauernde belaste zudem die Einsamkeit. „Die normale Trauerkultur funktioniert gerade nicht“, sagt Bevier. „Bei der Bestattung sind weniger Menschen zugelassen und hinterher sind die Trauernden damit alleine.“ Trauerbegleitung sei nur eingeschränkt möglich. Zwar sind Einzelgespräche erlaubt, ebenso Trauerspaziergänge oder Online-Gruppen. „Aber die ganz normalen Kontakte, die die Trauer erleichtern, sind nicht mehr da.“ 

Trauernde suchen Nähe – die aber ist verboten 

Das Wichtigste beim Trauern sei, mit anderen darüber zu reden: in Trauercafés, in Selbsthilfegruppen, mit Freunden. Man müsse nach einem Todesfall wieder unter Leute kommen. Genau das ist zurzeit aber nicht möglich. In einem Offenen Brief warnt der Bundesverband Trauerbegleitung sogar davor, dass Trauernde stigmatisiert werden könnten – weil sie Nähe suchen, in einer Zeit, in der diese größtenteils verboten ist. Dass man einen Trauernden nicht einfach mal tröstend umarmen kann, ist nicht nur für professionelle Trauerbegleiter schwierig, sondern auch für Verwandte und Freunde. 

Wie aber können sie Trauernde dann unterstützen? Erst mal sei es wichtig zu merken, dass ihnen gerade etwas fehlt, sagt Bevier. Angebote wie „Du kannst dich immer melden“ seien lieb gemeint, bedeuteten aber auch, dass die Trauernden von sich aus Kontakt aufnehmen müssen. Das könnten sie oft nicht. Deshalb sollte man versuchen, die Nähe selbst herzustellen. Durch Anrufe, Spaziergänge, einen Brief oder Blumen vor der Tür.

Aber was ist, wenn jemand zweifelt, ob er überhaupt willkommen ist? Noch dazu, wenn die Gefahr besteht, das Virus mitzubringen? Bevier kennt diese Fragen: „Trauernde machen oft die Erfahrung, dass sich niemand bei ihnen meldet, eben weil die Menschen nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen.“ Das verstärke die Einsamkeit. Besser wäre zu sagen: „Ich spüre, dass du trauerst, aber bin unsicher, was ich tun kann.“ Und dann zu fragen: Was könnte dir helfen? Sollen wir Fotos per Videochat anschauen? Oder mal über etwas ganz anderes reden?

Einige Menschen sind auch unsicher, was sie den Trauernden sagen sollen – weil sie sich gar nicht vorstellen können, wie es ist, wenn ein Angehöriger stirbt und man nicht dabei sein kann. Auch das sollte man offen ansprechen, rät Bevier. Zum Beispiel, indem man sagt: „Ich muss erst mal tief Luft holen, weil das so schlimm ist, was du mir erzählst.“ Ein ehrlicher Satz wie dieser könne guttun: „Die Trauernden brauchen einfach jemanden, der das mit ihnen aushält.“ 

Den Tod zu begreifen – das dauert oft Monate 

Die Theologin befürchtet, dass viele Leute in der Corona-Krise ohne Hilfe aus ihrer Trauer nicht mehr herauskommen. Depressionen könnten die Folge sein. Sie rät Trauenden und ihren Angehörigen, sich Hilfe zu suchen – bei Trauerbegleitern, Pfarrgemeinden, Hospizen oder Bestattern. 

Viele Trauende bräuchten Monate, um begreifen zu können, was passiert ist, sagt Bevier. Für sie könnte es hilfreich sein, den Abschied, der nicht stattfinden konnte, nachzuholen. Zum Beispiel, indem sie überlegen: Was hätte ich gern noch zu meinem Angehörigen gesagt? Manchen Leuten helfe es auch, etwas für den Verstorbenen zu tun: ein Fotoalbum zu gestalten, eine Kerze anzuzünden, eine Gedenkecke zu gestalten, seine Lieblingsblumen auf den Tisch zu stellen. Trauer sei eben mehr als nur Abschiednehmen, sagt Bevier: „Trauer heißt auch, in Verbindung zu bleiben mit dem Verstorbenen.“