30.01.2019

Serie "Und Tschüss?!" – Teil 5

Und Tschüss?! – Die Entscheidungen

In der Kirche bleiben oder gehen? Das ist die Frage in der Serie „Und Tschüss?!“. In Folge 5 erfahren Sie, warum Petra Waldman*, Richard Jökel und Ulrike Klose sich entschieden haben: Ich bleibe, ich gehe, ich komme zurück.

Was bisher geschah: Die Entscheidungen sind gefallen. Petra Waldman*, Richard Jökel und Ulrike Klose haben es ihrer Familie und den Freunden gesagt. Mitzuteilen, dass sie aus der Kirche ausgetreten ist, war für Petra Waldman schwierig. Es gab Tränen.
Richard Jökels Familie wusste lange Zeit nichts von seinem Austritt – aber der blieb nicht endgültig. Er hat eine neue Entscheidung getroffen.

In dieser Folge geht es um das „Warum?“ Welche Gründe gibt es bei Petra Waldman für den Kirchenaustritt? Wie kam es zur Entscheidung bei Richard Jökel, wieder in die Kirche einzutreten? Und warum hat Ulrike Klose noch nie darüber nachgedacht, die Kirche zu verlassen? Es geht weiter mit Folge 5: „Und Tschüss?! – Bleiben oder gehen?“

Richard Jökel Zeichnung: sasRichard Jökel

„Der Bann wurde aufgehoben im Jahr 2012.“ So empfindet Jökel seinen Wiedereintritt in die katholische Kirche. Für den Schritt, den der 67-Jährige vor fast sieben Jahren gemacht hat, brauchte es Stärke. Und Mut. Doch den hatte Jökel erst nicht, so erzählt er.
Zehn Jahre, bevor Richard Jökel wieder in die Kirche aufgenommen wird, geht in ihm ein Prozess los: „Es kann nicht alles für die Katz’ gewesen sein, was ich in Fulda Schönes erlebt habe“, sagt er. Jökel liest immer wieder in der Bibel, der eigentlichen Basis des Glaubens, wie er sagt. Dass die Kirche als Organisation nicht das Wichtigste ist, so Jökel, ist ihm erst im Laufe des Lebens in vielen Ländern der Welt bewusst geworden.

Richard Jökel Foto: Sarah Seifen
Richard Jökel
Foto: Sarah Seifen

Der letzte Auslöser für seine Entscheidung ist Jökels zweiter Sohn Felix. Er ist nicht zur Erstkommunion gegangen und steht mit 16 Jahren vor seinem Vater und fragt ihn nach dem Warum. „Ich hab’ ihn erst abgewimmelt und gesagt: ‚Geh raus und mäh’ den Rasen.‘“
Richard Jökel braucht Zeit zum Nachdenken. Abends sprechen Vater und Sohn noch einmal miteinander. Jökel ermutigt seinen Sohn, die Erstkommunion nachzuholen. „Dann ging ich zufällig am ‚iPunkt‘ vorbei, das ist heute ‚Punctum‘ in der Frankfurter Fußgängerzone, und da hing ein Plakat zur Erwachsenenkommunionvorbereitung“, erzählt Jökel. Die Freude ist groß, als sein Sohn Felix zustimmt, die Vorbereitung mitzumachen: „Ich bin vor Freude zusammengebrochen! Der wusste ja nicht, dass ich gar nicht drin war in der Kirche.“
Mit seinem Sohn erlebt Richard Jökel, dass es Spaß machen kann, den Glauben tiefer kennen zu lernen. „Da kam nicht: ‚Das darfst du nicht und das ist eine Sünde!‘, so wie ich es aus meiner Kinder- und Jugendzeit kannte.“ Aber eins macht ihm große Sorgen: „Der ganze Papierkram kam, und da musste die Konfession der Eltern angeben werden. Ich hatte so Angst, dass sie dem Felix die Erstkommunion verweigern.“

Richard Jökel schämt sich. Mit viel Überwindung geht er zum Pfarrer und erklärt alles. „Da sagte der doch tatsächlich: ‚Gut, dass Sie hier sind, Herr Jökel, wir können nur von Ihnen lernen‘. Ich fiel aus allen Wolken.“ Mit lauter Stimme wiederholt er immer wieder den Satz: „Wir können nur von Ihnen lernen.“ Richard Jökel fühlt sich zum ersten Mal seit langer Zeit verstanden von der Kirche. Kurze Zeit später füllt er im „punctum“ den Antrag auf Wiederaufnahme in die Kirche aus: „Ich war jetzt freiwillig da. Ohne Zwang. Freiwillig. Endlich freiwillig.“
Die Geschichte seines Wiedereintritts erzählt Richard Jökel fast ohne Luft zu holen. Den Kuchen auf dem Tisch hat er nicht einmal angerührt. Das Thema ist so emotional für ihn. Seine Erzählung endet mit den Worten: „Ich bin heut’ gerne Mitglied in der Kirche.“

Ulrike Klose Zeichnung: sasUlrike Klose

Ganz langsam öffnet sich die Tür zum Wohnzimmer. Durch den Spalt schaut Ulrike Kloses elfjähriger Sohn. „Was suchst du, mein Schatz?“, flüstert die Mutter. Liebevoll ist sie mit ihren Kindern. Das inspiriert die 49-Jährige zu einem Vergleich: „Ich hab’ meine Kinder immer lieb, egal was sie gemacht haben. Ich würde dann zwar schimpfen, aber lieb hätte ich sie trotzdem“, erklärt sie. Das sei bei Gott auch so: „Da gibt es immer einen, der einen liebt. Egal, was ich gemacht habe, zu Gott kann ich immer hingehen.“

Ulrike Klose Foto: Sarah Seifen
Ulrike Klose
Foto: Sarah Seifen

Die persönliche Beziehung zu Gott steht für Ulrike Klose an erster Stelle, nicht die Kirche als Institution. Seit ihrer Kindheit ist das so. Als Kommunionkatechetin möchte sie das, was sie selbst Gutes in der Kirche erlebt hat, nicht nur an ihre eigenen Kinder weitergeben. „Für die Menschen tue ich das, nicht für die Kirche als Organisation.“ Das ist für sie ein Unterschied.

Denn Kritikpunkte an der Kirche hat sie schon. Sie wünscht sich zum Beispiel, dass das Steuergeld für mehr soziale Zwecke eingesetzt wird und „nicht für irgendwelchen Pomp“, sagt sie. Aber deswegen auszutreten, die Steuern zu sparen, darüber hat sie noch nie nachgedacht. Hat sie überhaupt schon mal darüber nachgedacht, aus der Kirche auszutreten?

„Nö!“ Dieses Wort kommt so schnell und so klar aus ihr heraus, dass sie beginnt, zu lachen. „Für mich wäre das gleichbedeutend mit: Ich höre auf, zu glauben.“ Wenn etwas passieren würde, so dass sie nicht mehr an Gott glauben könnte – nur das wäre ein Grund, aus der Kirche auszutreten. An Gott zu glauben und Mitglied der Kirche zu sein, ist für sie untrennbar verbunden.

Petra Waldman Zeichnung: sasPetra Waldman*

Viele verschiedene Bibeln stehen im Regal im Wohnzimmer der Waldmans. Aus den meisten schauen Zettelchen heraus. Wichtige Stellen hat Petra Waldman markiert. Die 56-Jährige hat sich lange mit dem katholischen Glauben auseinandergesetzt, viele Dinge ausprobiert: Meditation, Gebetskreise, Glaubenskurse. Nichts hat sie überzeugt.

Petra Waldman blättert in den Fotoalben von früher. Traurig macht sie das nicht, dass sie nicht mehr Teil dieser Kirche ist, die sie als Kind so intensiv erfahren hat. Sie ist dankbar für diese Zeit. Sie klingt zufrieden.
Als Jugendliche beginnt Waldman zu hinterfragen, was da im Gottesdienst passiert. Irgendetwas fehlt ihr. „Alle sagen, die Kommunion sei das Wichtigste und dann empfängt man den Herrn und geht danach weg und fragt draußen:
‚Hast du ’ne neue Hose?‘“ Ihr fehlt die Freude der Menschen. Dieses Fehlen führt dazu, dass sie später sagen wird: „Das stimmt nicht, was die sagen und machen.“ Auch in spirituellen Angeboten findet Petra Waldman keine Anknüpfungspunkte für ihren Glauben. „Ich bin so am zweifeln, ich hab’ so den Zugang verloren, aber keiner hat was gemacht ...“, sagt sie. „Gott hat mir nicht die Gnade gegeben, zu glauben.“ Nach jahrelangem Aushalten trifft sie die Entscheidung: Sie tritt aus der Kirche aus. Das ist jetzt sechs Jahre her. „Mir geht es gut. Ich möchte konfessionslos bleiben.“

Dass es Menschen gibt in ihrem Umfeld, die sie zurückholen wollen, mag Petra Waldman nicht. „Ich will niemanden aus der Kirche rausholen, also soll mich niemand reinholen.“ Da ist sie klar. Gespräche darüber führt sie trotzdem.

Kurz nach ihrem Austritt erhält sie einen Brief vom Pfarrbüro. Den hat sie aufbewahrt, zusammen mit ihrem Kommunionheft. Auf dem Umschlag klebt eine Briefmarke der Fußballeuropa-meisterschaft 2012. „Fussball begeistert Deutschland“, steht darauf. Vom standardisierten Inhalt des Briefs war Petra Waldman enttäuscht. Vorwürfe seien ihr gemacht worden: „Durch ihren Austritt haben Sie eine Gemeinschaft verlassen, die viel Gutes tut ...“ Trotzdem ruft sie den Pfarrer an und vereinbart einen Gesprächstermin. „Ich glaube, ich war die Erste, die die Einladung angenommen hat.“ Sie erzählt ihm alles: Die Vorwürfe aus dem Brief seien kein Grund für den Austritt. Das Geld, das sie an Kirchensteuer spart, spendet sie. Manchmal auch an kirchliche Organisationen. Sie kann einfach nicht mehr glauben und hat daraus die Konsequenzen gezogen. Ganz radikal kann sie aber keinen Schlussstrich machen: „Ab und zu gehe ich noch zur Kontemplation bei den Benediktinerinnen.“

So geht es weiter: Und nun? Wie geht die Kirche mit den vielen Kirchenaustritten um? Was ist das Fazit der Serie? Und was haben Mobilfunkanbieter mit der Kirche gemeinsam? Außerdem antworten Bischof Bätzing aus Limburg und Bischof Kohlgraf aus Mainz auf die Frage: „Was muss die Kirche gegen die Austritte tun?“ Fortsetzung folgt ...

* Name von der Redaktion geändert

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