23.05.2018

Bechers Provokationen

Unterwegs zum Leutepriester

Meine Provokationen suchen nach der Glut unter der Asche, nach dem Kern der Botschaft. Heute geht’s um den Priester der Zukunft. Und darum, wie das Recht auf Eucharistie und ein verändertes Kirchenbild zusammenpassen. Von Johannes Becher.

Wer steht morgen am Altar im katholischen Gottesdienst? Längst gibt es Vorschläge, um dem Mangel an Priestern zu begegnen: durch „Leutepriester“ etwa oder „bewährte Männer“ (viri probati). Foto: Adobe Stock
Wer steht morgen am Altar im katholischen Gottesdienst? Längst gibt es Vorschläge, um dem Mangel an Priestern zu begegnen: durch „Leutepriester“ etwa oder „bewährte Männer“ (viri probati). Foto: Adobe Stock

Es ist ein Dilemma. Scheinbar ausweglos: Da gilt die Feier der Eucharistie als „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“, wie es das Zweite Vatikanische Konzil formuliert. Dieser Feier steht ein Priester vor, und „Priester sind durch nichts und niemanden zu ersetzen“, wie es nicht nur Fuldas Bischof Heinz Josef Algermissen betont. Andererseits werden 2018 in deutschen Diözesen noch 61 Männer zu Priestern geweiht, weitaus mehr allerdings gehen in den Ruhestand.

Schon heute leiten Priester an Sonntagen nicht selten drei oder vier Messen. Weniger wären mehr.

Fakt ist: Das Anpassen der Pfarreigrößen an die Zahl der zur Verfügung stehenden Priester ist Flickwerk. Es kommt immer schon zu spät. Und in einer Kirche im Umbau, die von ihren gefirmten Mitgliedern eine intensivere Beteiligung fordert, muss sich auch das Priesterbild ändern. Nicht einem Mangel geschuldet, sondern grundsätzlicher, von innen heraus. Martin Werlen, Alt-Abt von Einsiedeln schreibt: „Tatsächlich ist es auffällig, dass in vielen Bereichen in der Kirche neue Wege gesucht werden, aber kaum in der Gestaltung des Priesteramts.“

Priester sind in ihrer Identität angefragt. „So kann ich nicht mehr Pfarrer sein“: Der Aufschrei des Münsteraner Priesters Thomas Frings sprach vielen seiner Mitbrüder aus dem Herzen. Wer sind wir (noch) und wozu? Ein „Weiter so“ in neuen größeren Räumen bringt viele an ihre Grenze: physisch, seelisch, aber auch im Rollenbild. Was ist denn dann noch Seelsorge?

Was ist wesentlich für das Priesteramt? Dass er Chef in allen Gremien ist, dass er sich um die Finanzen kümmert, dass er eine Pfarrei leiten muss? Sicher gilt es, darauf zu achten, dass der Geweihte nicht allein zum „sacerdos“ (Kultpriester) reduziert wird, er muss auch „presbyter“ (Ältester, Vorsteher) sein können. Konkret gefragt: Wieviel sakramentaler Blaulichtpriester ist ein geweihter Einzelkämpfer künftig in seinem pastoralen Raum und wo ist er zu Hause, bewährter und vertrauter Seelsorger? Neben diesen Unterscheidungen steht auch das Hinterfragen darüber aus, wie im modernen Klerus das Verständnis von Dienstamt und Machtausübung ist.

Johannes Becher Foto: privat
Johannes Becher
Foto: privat

Vielleicht ließe sich die Lage auch mal als Chance begreifen. Als Gelegenheit, einem falschen Klerikalismus im katholischen Haus die Tür zu weisen. Der künftige Priester muss nicht mehr dem Anspruch genügen, überall den Durchblick und die Kontrolle zu haben. Er könnte „Leutepriester“ sein.

Diesen Begriff hat vor rund 15 Jahren Bischof Fritz Lobinger (Südafrika) in die Diskussion gebracht. Er unterscheidet zwischen zwei Typen von Priestern. Der „Leute-Priester (oder auch „Korinth-Priester“ nach dem Modell der Paulusbriefe) ist ein angesehenes Mitglieder der Gemeinde und könnte dem Gottesdienst vorstehen. Der zölibatäre Priester lebt stärker in diözesanen Strukturen. Er ist eine Art Spiritual, ein Vertiefer geistlicher Haltung. Ein Modell aus dem Erleben des kirchlichen Alltags in Afrika.

Ähnlich denkt Bischof Erwin Kräutler in Brasilien: Er sieht die Gefahr, dass durch den Mangel an Priestern „das Verständnis für Eucharistie verlorengeht“. Und das Recht auf (und die Pflicht zur) Eucharistie sei wesentlicher als die zementierten Zugangswege zum Priesteramt. Deshalb erinnert auch Kräutler an die Urkirche: Wer sich in seiner Gemeinde bewährt hat, der darf dort (und nur dort) dem Gottesdienst vorstehen. Ein Ortspriester besonderer Art. Damit Jesu Auftrag auch morgen noch erfüllt wird: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“

 

Tipp: Weiterlesen

  • „Rückkehr der Priester“: Eine „Herder Korrespondenz Spezial“, 64 Seiten, 13,70 Euro
  • Erwin Kräutler: Habt Mut! Jetzt die Welt und die Kirche verändern, Tyrolia Verlag, 142 Seiten, 14,95 Euro