18.11.2020

Keramikmanufaktur Maria Laach

Urnen ganz persönlich

Urnen aus Ton, bemalt mit der Lieblingskapelle. Mit einem Baum, einem Engel oder einer Jakobsmuschel. In der Keramikmanufaktur Maria Laach wird das irdene Gefäß individuell. Bruder Stephan Oppermann ist es das Wichtigste, sich Zeit zu nehmen für die Trauernden. Von Ruth Lehnen.

Urne aus der Keramikmanufaktur
Zur Abtei Maria Laach gehört die Keramikmanufaktur, die ganz individuelle Urnen anfertigt.

Vor kurzem starb ein Landwirt, er war nicht alt geworden. Die Urne, in der er bestattet wurde, war aus der Erde gemacht, über die er immer gelaufen war: Erde aus der Nähe von Maria Laach. Eine Bestattungsfeier, wie es üblich ist, konnte es wegen Corona nicht geben. Bruder Stephan Oppermann hatte eine Idee: Stellt die Urne ins Feld! Dorthin, wo er ausgesät und geerntet hat. „Damit hatte der Bestatter dann viel Arbeit,“ räumt Stephan Oppermann ein. Es musste den ganzen Tag jemand bei der Urne bleiben, in kleinen Gruppen kamen Freunde und Angehörige zum letzten Lebewohl. 

Es sind solche Momente, die Stephan Oppermann klarmachen, dass er da richtig ist, wo er ist: Der Benediktiner leitet die Keramikmanufaktur in Maria Laach, in der unter anderem handgedrehte und handbemalte Urnen hergestellt werden. Dem Sterben und Trauern, aber auch der Auferstehungshoffnung wieder einen Platz zu geben, empfindet der Künstler, Keramiker und Florist als seinen „Auftrag“. Er hat es oft erfahren, auch am eigenen Leib: „Man verzweifelt vor igendeinem anonymen Düppen (Topf).“ Damit meint er 0815-Urnen. Damit meint er aber auch, dass für das Trauern nirgendwo mehr Zeit ist: „Keine Zeit, keine Zeit, das ist das Hauptthema unserer Zeit.“ Auch in der Kirche. Er erlebe so oft Trauernde, die keinen hatten, der mit ihnen gebetet hätte, keinen, der ihnen zugehört hätte, keinen, der ihrer Trauer Platz gegeben hätte.

Bruder Stephan Oppermann leitet die Keramikmanufaktur in Maria Laach.
Bruder Stephan Oppermann
leitet die Keramikmanufaktur
in Maria Laach.

„Hier ist Zeit,“ sagt Bruder Stephan. Trauernde kommen die Urnen für ihre Angehörigen oft selbst abholen in der Abtei in der Vulkaneifel. Dann haben sie Gelegenheit, in der Abteikirche in die Vesper zu gehen, aber auch mit Bruder Stephan zu reden. Bei den Gesprächen, meint der Benediktiner, sei er dann nicht „der Coole“ – „ich bin nah am Wasser gebaut“ – er weint auch mal mit. Und wenn die Angehörigen es wünschen, betet die Mönchsgemeinschaft am Tag der Beerdigung des Verstorbenen für den Toten.

Die Urnen aus Maria Laach bestehen aus Ton aus der unmittelbaren Nähe der Abtei. Vier Kilogramm liegen auf der Töpferscheibe, um diese freihändig zu drehen, müssen Könner ran. Zum Beispiel Drehmeisterin Gabriele Schönberger. „Es gibt Monate, da drehen wir jeden Tag Urnen“, sagt Oppermann – sie begleiten seine Tage wie die Vasen, die Teekannen, die Becher. Bevor der Ofen angestellt wird für den Brand, zeichnet Oppermann ihm ein Kreuz auf. Alles soll unter dem Segen Gottes geschehen. 

Zunehmend mehr gefragt: Gedenkstücke

Wird eine bemalte Urne gewünscht, kommt nach dem zweiten Brand die Stunde von Porzellanmalerin Andrea Lange. Sie malt zum Beispiel Bäume, sie malt Kapellen aus der Region des Verstorbenen, sie malt Kirchen oder Orte, die der Verstorbene geliebt hat. Sie hat auch schon ein Rotkehlchen auf eine Urne gemalt: Der Singvogel war auf einem der letzten Fotos zu sehen gewesen, das ein sterbendes Mädchen fotografiert hatte. 

Zunehmend werden auch so genannte Gedenkstücke gefertigt: An der Urne können zum Beispiel Flügel befestigt werden, Kreuze, Engel oder auch Pflanzen, die für die Liebe stehen wie das Gingkoblatt, das „eins und doppelt“ ist, wie Johann Wolfgang Goethe schrieb. Diese Gegenstände, manche aus Bronze gefertigt, sind während des Trauergottesdienstes an der Urne befestigt und werden anschließend abgenommen und den Angehörigen als Zeichen der Verbundenheit übergeben – sie werden zum Beispiel zur Erinnerung zuhause aufgestellt oder als Schmuckstücke getragen. 

Bruder Stephan sieht darin etwas Ähnliches wie die Sterbebildchen, die früher üblich waren, heute aber seltener werden: Diese im Gebetbuch aufbewahrten Zettel tragen ein Bild, die Lebensdaten des Verstorbenen und oft einen Bibelspruch, sie dienen der Erinnerung. 

Urne aus Maria Laach
Eine Vielfalt an gemalten Motiven ist möglich.

Dem Ordensmann ist wichtig, dass nicht die Abtei selbst ins Bestattungsgeschäft eingestiegen ist, sondern der Vertrieb der Urnen komplett über Bestattungsfirmen geht, und die Bestatter auch die Angehörigen begleiten, falls diese zur Abtei kommen wollen. Auch über die Preise der Urnen gibt Stephan Oppermann keine Auskunft, diese seien sehr unterschiedlich je nach Aufwand. 

Im biblischen Buch Jeremia heißt es: „Und doch bist du, Herr, unser Vater. Wir sind der Ton und Du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk Deiner Hände.“ Mit dieser Bibelstelle will der Keramiker nicht so gern in Verbindung gebracht werden. Das sei überheblich, meint Stephan Oppermann. Für ihn ist die Zeitgenossenschaft wichtig: Er leidet an dem heutigen Umgang der Menschen mit dem Thema Sterblichkeit: „Die Menschen aus unserem Kulturkreis haben verlernt, sich auf den Tod vorzubereiten. Sie ringen, ringen bis zuletzt um das Leben, und wenn der Tod dann kommt, ist das so viel grausamer, als wenn ich den Weg des Sterbens mitgegangen bin und dann sagen kann, jetzt ist die Zeit gekommen, in der wir loslassen müssen.“ 

Dem Tod ins Gesicht schauen – das ist gut

Der Tod werde immer mehr verdrängt, überall hört man, dass Menschen, gerade in Corona-Zeiten, in ihren letzten Stunden keinen Beistand haben. Oppermann sieht das auch als Folge einer durchkapitalisierten Konsumgesellschaft: „Wenn ich meine Eltern begleite auf dem letzten Weg, dann werde ich wesentlich, dann passe ich nicht in eine Konsumgesellschaft, denke ich nicht an den nächsten Urlaub und konsumiere weniger.“

Er verficht energisch, dass die Menschen dem Tod ins Gesicht schauen sollen – in die Gesichter ihrer Verstorbenen. Diese letzte Begegnung sei wichtig fürs Begreifen: „Er ist nun wirklich tot ... Wenn man direkt zur Kremierung geht, ist das nicht gut.“ Jeder sterbe anders, und es sei fast immer schwer. Das erlebt Oppermann auch bei seinen Mitbrüdern. Wer das Sterben begleitet, werde selbst verändert: „Man ist danach ein anderer.“ Ein Anderer? „Man ist viel gütiger.“

„Von Erde bist Du genommen, zur Erde wirst Du zurückkehren.“ Schon im antiken Ägypten gab es Ton-Urnen. In Maria Laach werden die irdenen Gefäße seit drei Jahren hergestellt, Motto: „einzigartig wie der Mensch“. So viele Urnen er auch gedreht und gebrannt haben mag am Ende seines Lebens, als Benediktiner der Abtei Maria Laach wird Stephan Oppermann selbst in einem Sarg liegen. „Das ist bei uns so, wir werden auf dem Waldfriedhof bestattet, da ist genügend Platz.“

Internet: https://www.maria-laach.de/urnen/

Telefon: 02 65 2 / 59 34 9