22.05.2019

Jahresserie 2019 – Folge 5

„Können Sie sich das vorstellen?“

„Wir müssen reden!“ heißt das Jahresthema der Kirchenzeitung. Wir bringen Menschen an einen Tisch. Vier Frauen aus zwei Generationen haben im St.Elisabeth Caritasheim in Bensheim miteinander gesprochen: übers Altsein, übers Jungsein, über damals und heute. Und über die große Wäsche, Bohnerwachs, die Pille, den Tod und Smartphones. Und die Frage: „Können Sie sich das vorstellen?“

Jung und alt: Vier Frauen aus zwei Generationen treffen sich zum Gespräch im St. Elisabeth Caritasheim in Bensheim (unten links). Fotos: Sarah Seifen
 Jung und alt: Vier Frauen aus zwei Generationen treffen sich zum Gespräch
im St. Elisabeth Caritasheim in Bensheim. Aaliyah Schär, Gisela Block,
Renate Burghard und Marlene Weickert (von links). Foto: Sarah Seifen

Treffpunkt: Villa Eulenhorst, Bensheim. In der Bibliothek des 1912 erbauten Herrschaftssitzes des Papierfabrikanten Wilhelm Euler ist die Kaffeetafel gedeckt. Die Räume gehören seit 1960 zum St. Elisabeth Caritasheim. Sechs Frauen sitzen am Tisch: Die zwei Bewohnerinnen Gisela Block und Renate Burghard, die jungen Frauen Aaliyah Schär und Marlene Weickert, die in der Tagespflege des Heims arbeiten, sowie Ruth Lehnen und Sarah Seifen von der Kirchenzeitung. Ihr gemeinsames Thema heute: Jugend und Alter – und was sie sich zu erzählen und mitzuteilen haben.

Gisela Block: Ich bin 82 Jahre alt, und ich fühle mich sehr wohl hier. Am Anfang war es schon eine Umstellung, weil man ja alles aufgegeben hatte und sich mit einem Zimmerchen zufriedengeben muss. Ich habe hier aber sehr nette Frauen kennengelernt, das hat mir alles leichter gemacht.

Für mich bedeutet Alter, dass ich nicht mehr so fit bin wie früher, aber im Kopf fühle ich mich noch nicht so alt. Ich bin hier ja auch eine der Wenigen, die ein Smartphone hat, und das hält mich auch jung und fit!

Renate Burghard: Ich bin seit fast sechs Jahren hier, ich bin seit zwei Jahren Witwe. Ich fühle mich auch ganz wohl hier. Ich könnte es zuhause alleine nicht schaffen. Ich bin 77 Jahre alt. Das Alter ist nicht schön, weil man viel gebrechlicher ist als früher. Jeder will alt werden, nur alt sein will keiner.

Marlene Weickert: Ich bin 18 Jahre alt. Für mich bedeutet die Jugend, selbstständig zu werden, die Ängste zu überwinden, sich zu engagieren.

Aaliyah Schär: Jungsein bedeutet für mich: Erwachsen zu werden, dazuzulernen. Ich interessiere mich für die ältere Generation, wie es ist, älter zu werden ...

Gisela Block: Das kommt von ganz alleine! Für mich war es sehr schön, jung zu sein. Ich hatte eine kurze Jugend. Ich hab’ mit 18 geheiratet, mit 19 mein erstes Kind bekommen und mit 21 das zweite. Dann war ich die nächsten zehn Jahre Mutter, Ehefrau, Hausfrau, bis ich als Bankangestellte gearbeitet habe. Ich hatte trotz der kurzen Jugend viel Spaß mit meiner Familie. Ich bin mit meinem Leben zufrieden. Sie können Sie sich das ja gar nicht mehr vorstellen, mit 18 zu heiraten!

Marlene Weickert: Nein, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Gisela Block: Das ist der Unterschied zwischen früher und heute. Wir hatten keine Wahl damals. Wir hatten keine Pille. Und mein Mann, den ich geheiratet habe mit 18 Jahren, mit dem war ich 60 Jahre zusammen. Können Sie sich das vorstellen?

Aaliyah Schär: So früh eine Familie zu gründen, kann ich mir nicht vorstellen, weil man noch so viel vor sich hat. Die Ausbildung, arbeiten ...

Renate Burghard: Wir waren nicht so modern wie heute.

Gisela Block: Und wenn ich es manchmal heute höre, dass die Frauen mit einem Kind nicht fertigwerden! Das war für mich als junge Frau kein Problem. Obwohl es alles viel schwieriger war: Wir mussten die Windeln im Topf kochen zum Waschen. Ein Kühlschrank war unsere erste große Anschaffung in den 50er Jahren.

Renate Burghard: Das ist der Fortschritt. Es ist alles moderner geworden. Schnelllebiger.

Aaliyah Schär: Ich finde es viel zu früh, mit 17 ein Kind zu bekommen. Man steht noch nicht auf eigenen Beinen. Man kann dem Kind noch nichts bieten. Geld spielt eine wichtige Rolle. Man möchte dem Kind Kleidung kaufen und Essen. Das kann man mit 17 noch nicht. Man ist ja noch selbst ein Kind. Früher war es natürlich anders ...

Renate Burghard: Da hieß es dann: „Mädchen, du brauchst nichts zu lernen. Wenn du heiratest, dann bist du versorgt.“

Gisela Block: Es kommt auch auf die Startbedingungen an. Meine Eltern sind in Westfalen total ausgebombt worden, mein Vater ist in Russland gefallen ... Ich wurde nach P o m m e r n evakuiert, wir flüchteten in die Rhön, da bin ich zur Kommunion gegangen und in der Klosterkirche in Hünfeld haben wir geheiratet. Und ich war ja nicht die Einzige in meinem Umfeld, die so früh heiraten musste.

Renate Burghard: Wenn ein Kind unterwegs war, da musste man heiraten, ja.

Gisela Block: Heute sagt man: Es gibt doch die Pille. Da hätte man besser aufpassen können. Heute kann ich erstmal meine Ausbildung machen und die Welt sehen. Ich glaube, hätte ich es planen können, hätte ich nicht so früh Kinder gekriegt.

Renate Burghard: Ich auch nicht.

Gisela Block: Wenn ich die Jugendlichen heute sehe, dann denke ich schon, dass ich so manches versäumt habe. Renate Burghard: Ich hab’ erst ein Kind gekriegt, dann haben wir geheiratet. Das zweite kam schnell hinterher. Mein Mann wollte nicht, dass ich die Pille nehme. Als ich geheiratet habe, war ich gerade 21. Meine Mutter musste noch unterschreiben, wir waren ja erst mit 21 volljährig. Mit 26 hatte ich alle fünf Kinder. In einem Jahr drei, Zwillinge und noch eins. Die Jugendlichen heute haben es besser als wir. Aber sie gehen einer schlechteren Zeit entgegen.

Marlene Weickert: Man kann sich gar nicht vorstellen, dass unsere Zeit schlechter werden soll als früher. Wenn ich bedenke, wie schrecklich das früher war im Krieg.

Gisela Block: Ich möchte heute nicht mehr jung sein.

Renate Burghard: Ich auch nicht!

Gisela Block: Ich hab’ alles gehabt, was ich mir vom Leben erträumt hatte.

Marlene Weickert: Ich würde gerne mal in der Zeit von früher leben, nur, um mal auszuprobieren, wie es war. Ob ich das überhaupt aushalten könnte?

Aaliyah Schär: Man hat ja heute alles, Handys, Waschmaschinen ...

Renate Burghard: Wir hatten Diensttelefon, weil mein Mann Zollbeamter war.

Gisela Block: Wir haben unser Telefon 1966 bekommen.

Marlene Weickert: Heute kann man ja mit den Handys viel mehr machen als nur telefonieren. Einfach ein Wort nachschauen im Internet zum Beispiel.

Gisela Block: Das habe ich zum Glück auch noch gelernt. Ich fotografiere meine neuen Schuhe und schicke das Bild meiner Freundin in Thüringen.

Aaliyah Schär: Ich brauche zum Beispiel Bücher auf dem Handy nicht. Das mag ich nicht. Ich nutze es, um mit meinen Freunden in Kontakt zu bleiben, die weit weg sind.

Renate Burghard: Man war früher ja mehr zusammen als heute. Wir haben mit den Nachbarn abends vor der Haustür gesessen und erzählt, gestrickt dabei. Heute hat keiner mehr Zeit.

Marlene Weickert: Das finde ich auch schade, dass das Wahre verlorengeht.

Renate Burghard: Es gibt Sachen, die sind früher schöner gewesen.

Aaliyah Schär: Ich habe beim Kochen immer bei Mutter oder Oma zugeguckt. Die haben ja viel mehr Erfahrung, und Omas machen sowieso das beste Essen.

Marlene Weickert: Beim Kochen helfe ich zu Hause gerne. Ich bin aber froh, dass ich die Wäsche gewaschen bekomme. An die Waschmaschine traue ich mich nicht ran.

Gisela Block: Sehen Sie, so war das bei mir nicht. Handtücher, Bettwäsche, Unterwäsche wurden im Kessel gekocht. Da wurde Feuer drunter gemacht. Da gab’s dann den Stampfer ...

Aaliyah Schär: Da weiß ich überhaupt nicht, was das ist.

Renate Burghard: Das war eine Stange mit so einer Art Saugglocke daran. Durch das Stampfen und Ansaugen in der Lauge wurde die Wäsche gewaschen. Das Schlimmste war dann das Ausspülen und Auswringen. Die größte Errungenschaft war die Schleuder.

Gisela Block: Die hatte ich schon, bevor wir die Waschmaschine hatten. Heute gehen die jungen Leute ins Fitnesscenter, um sich anzustrengen.

Marlene Weickert: Das ist mir zu teuer. Ich mache Sport im Hockeyverein. Da habe ich vier Mal in der Woche Training, das reicht mir. Und wenn ich draußen joggen gehe, kann ich meinen Freunden erzählen: „Ich hab’ drei Rehe gesehen“, und die starren aus dem Fenster vom Fitnesstudio. Das wirklich Anstrengende für uns heute ist die Schule, sich aneinander zu messen und immer besser zu werden.

Aaliyah Schär: Ich geh’ lieber arbeiten als in die Schule. Sechs Stunden durchgehend auf dem Stuhl zu sitzen und zuzuhören, das ist anstrengend. Früher war es mehr die körperliche Arbeit, die anstrengend war.

Gisela Block: Wir hatten auch eine Holztreppe. Was glauben Sie, was ich für einen Ehrgeiz hatte, dass die schön blank gebohnert war.

Renate Burghard: Mit Bohnerwachs musste man aufpassen. Wir hatten Holzleisten am Boden und da hat sich der Bohnerwachs festgesetzt. Das musste man alle paar Wochen mit dem Messer sauberkratzen. Ach Gott, wir haben schon ’ne blöde Zeit hinter uns! Die jungen Leute sollen ihr Leben genießen, so lange es geht. Es kann morgen vorbei sein. Aber als junger Mensch denkt man darüber noch nicht nach. Das hätte ich auch nicht gemacht.

Aaliyah Schär: Ich hätte keine Angst vorm Sterben.

Gisela Block: Aber das sagt man doch noch nicht, wenn man jung ist! Das kann man sagen, wenn man im Heim ist und ist krank und hat sein Leben hinter sich mit Ende 80 oder Ende 90. Solche Gedanken habe ich erst, seitdem ich hier bin. Das fällt mir hier sehr schwer. Wenn man die Menschen kennengelernt hat und hört, dass sie gestorben sind. Man ist hier im Heim mit dem Tod doch sehr vertraut und auch konfrontiert.

Renate Burghard: So ist es. Wir müssen uns damit abfinden.

Aaliyah Schär: Wenn ich wüsste, es wäre vorbei in ein paar Monaten, dann hätte ich auch heute keine Angst. Man kann sein Leben nicht beeinflussen.

Gisela Block: Also Angst habe ich auch nicht davor. Aber ich bin gerne auf dieser Welt.

Marlene Weickert: Als Kind hatte ich Angst vorm Sterben. Da habe ich mir Gedanken gemacht, was danach kommt. Heute habe ich keine Angst mehr. Das Wichtigste ist: ich habe gelebt.

Aaliyah Schär: Ich will ganz alt werden und natürlich ohne Schmerzen. Und ich will, dass mich meine Kinder und Enkelkinder besuchen.

Marlene Weickert: Ich möchte da gar nicht so viel planen, was in der Zukunft ist. Ich möchte zufrieden sein und glücklich. Ich möchte nicht alleine sein. Wo ich genau bin und was ich mache, lasse ich auf mich zukommen.

Gisela Block: Das wundert mich, dass Sie nicht sagen: „Ich möchte heiraten und ich möchte eine Familie gründen.“

Aaliyah Schär: Ich habe die Träume, aber wenn es nicht so kommen würde, dann kommt es nicht so. Ich kann es nicht ganz beeinflussen. Die Frage ist, ob ich jemanden finde, den ich heiraten will und mit dem ich ein Kind haben will. Aber planen tu ich das nicht.

Marlene Weickert: Es ist nicht so, dass ich sage: „Ich will nicht heiraten, ich will keine Kinder“. Ich lasse es auf mich zukommen. Ich halte nicht viel von der typischen Rollenverteilung, die vorsieht, dass der Mann zur Arbeit geht und die Frau zu Hause ist und sich um die Kinder kümmert. Wer sagt denn, dass der Mann das Geld heimbringen muss? Ich kann ja auch selbstständig sein.

Gisela Block: Das ist heute so. Wenn die Frau den besseren Job hat und mehr verdient und dem Mann das Spaß macht, zu Hause zu sein und Kinder großzuziehen – warum soll man nicht den Rollentausch machen?

Renate Burghard: Das genügt nicht, wenn nur einer arbeitet. Es müssen heute beide arbeiten, sonst reicht das Geld nicht.

Gisela Block: Wir haben auch beizeiten ans Alter gedacht und vorgesorgt. Wenn man im Alter keine finanziellen Probleme hat, ist das schon viel wert.

Aaliyah Schär: Ich finde es traurig, dass viele in meinem Alter nicht an die ältere Generation denken. Die heutige Jugend interessiert sich für andere Dinge, wie Handys und Geldverdienen. Die gucken gar nicht mehr auf die ältere Generation. Ich war zwei Monate in Wohnbereich hier in der Pflege und da gab es viele, die nicht besucht worden sind. Das ist so schade. Die Eltern sind immer für einen dagewesen und haben versucht, den Kindern alles zu bieten und dann werden sie vergessen. Ich könnte niemals meine Oma oder meine Mutter vergessen. Ich würde mir die Zeit nehmen. Ja, ich finde, man müsste sich öfter an einen Tisch setzen und reden. Damit man auch weiß, wie es früher war, und dass man auch mit nichts zufrieden sein konnte.

Gisela Block: Ich fühle mich nicht vergessen. Meine Schwiegertochter war heute schon da. Mein Enkel hat gestern mit mir telefoniert. Ich habe jeden Tag Kontakt mit der Familie.

Renate Burghard: Meine Familie ruft auch oft an oder holt mich zum Essen.

Das Gespräch moderierten Ruth Lehnen und Sarah Seifen.