15.05.2018

Bechers Provokationen

Von Gott oder den Menschen?

Unsere Provokationen suchen nach der Glut unter der Asche, nach dem Kern der Botschaft, nach dem Feuer im Herzen. Heute geht’s um Tradition. Und um Traditionen. Und um den Unterschied von beidem. Und warum der wichtig ist.

Wer menschengemachte Traditionen für ein unabänderliches göttliches Gebot hält, der wird zum Traditionalisten. | Foto: Adobe Stock
Wer menschengemachte Traditionen für ein unabänderliches göttliches Gebot hält, der wird zum Traditionalisten. Foto: Adobe Stock

Wenn etwas zum dritten Mal stattfindet, dann ist es Tradition. So heißt es landläufig. Wenn etwas zur Gewohnheit geworden ist also. Damit muss es keineswegs gewöhnlich geworden sein. Es mag außergewöhnlich bleiben. Ein Stück Kulturgut. Das will man behalten. Erhalten. Soweit das Alltägliche.

Nun mag man behaupten, die „Traditionen“ seien lediglich der Plural einer „Tradition“. Das ist so richtig wie falsch. In der Grammatik mag es stimmen, kirchlich greift es viel zu kurz.
Das Wort Tradition kommt aus dem Lateinischen. Von „tradere“. Und meint: hinübergeben; oder auch übergeben, weitergeben … Und in der Kirche ist Tradition eben was entschieden anderes als im Volksbrauchtum. Und am (falschen oder richtigen) Verstehen dieses Begriffs hängen viele Lösungen. Es geht darum, zwischen Tradition (unveränderlich) und Traditionen (veränderbar) zu unterscheiden. Kurz gesagt: Es geht um den wesentlichen Unterschied zwischen gottgegeben und menschengemacht.

Der Katechismus der katholischen Kirche hält unter der Nummer 83 eine wesentliche Unterscheidung fest: jene zwischen der apostolischen Überlieferung und den kirchlichen Überlieferungen (siehe Kasten „Zitiert“).

Unaufgebbare Tradition der Kirche ist, dass im Zentrum der Glaube an einen Gott steht, der mit den Menschen durch die Geschichte geht, der sich in Jesus unübertreffbar gezeigt und zugewandt hat. Sichtbarer Ausdruck dafür sind Gottes Wort in der Bibel und die Heil schenkenden Zeichen der Sakramente. Alles andere ist Menschenwerk. Und das – Brauchtum, Regeln, Gesetze, Lehren … – hat sich im Lauf der Geschichte immer wieder verändert. Zum Glück.

Wer das leugnet, den nennen wir einen Traditionalisten. Weil er Gottes- und Menschenwerk verwechselt. In den Traditionen, so kann man sagen, stellt sich die Kirche dem Zeitgeist. Ja, sie nutzt ihn sogar, damit sie verständlich bleibt für die Menschen der jeweiligen Zeit. Das hat Jesus schon so gemacht, wenn er sich der Lebenswelt der Pharisäer, Schriftgelehrten, Fischer … seiner Zeit stellt. Die Menschen abholen, wo sie stehen – und verstehen. Sagen wir heute oft. Wer den Zeitgeist für Teufelswerk hält, der geht an Weg, Wahrheit, Leben vorbei. Die Angst vor der Welt hilft nicht weiter. In der Welt hat das Reich Gottes begonnen. Das gehört zur Tradition. Wie es wachsen kann in dieser Zeit, dafür müssen sich Traditionen ändern. Zu jeder Zeit.

 

Zitiert: Tradition und Traditionen

„Die Überlieferung [oder Tradition], von der wir hier sprechen, kommt von den Aposteln her und gibt das weiter, was diese der Lehre und dem Beispiel Jesu entnahmen und vom Heiligen Geist vernahmen. Die erste Christengeneration hatte ja noch kein schriftliches Neues Testament, und das Neue Testament selbst bezeugt den Vorgang der lebendigen Überlieferung.

Die theologischen, disziplinären, liturgischen oder religiösen Überlieferungen [oder Traditionen], die im Laufe der Zeit in den Ortskirchen entstanden, sind etwas anderes. Sie stellen an die unterschiedlichen Orte und Zeiten angepasste besondere Ausdrucksformen der großen Überlieferung dar. Sie können in deren Licht unter der Leitung des Lehramtes der Kirche beibehalten, abgeändert oder auch aufgegeben werden.“
Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 83