16.12.2021

Weihnachten allein sein

Was berührt mein Herz?

Für viele nicht vorstellbar: Weihnachten alleine sein. Judith Pfau hat dazu gerade eine Online-Veranstaltung angeboten. Die Gemeindereferentin aus dem Bistum Mainz sagt: „Es braucht Mut, sich nach dem Hellen auszurichten.“ Von Anja Weiffen


Gemeindereferentin Judith Pfau ist überzeugt: Man kann lernen, sich in sich selbst wohlzufühlen, unabhängig von den Umständen.


Der Partner ist gestorben. Die Kinder sind gerade ausgezogen. Oder die Corona-Situation verhindert ein Zusammenkommen der Großfamilie an den Feiertagen. Es gibt viele Gründe, warum das Weihnachtsfest diesmal anders verläuft als all die Jahre zuvor. Gemeindereferentin Judith Pfau arbeitet in der Altenseelsorge. Einsamkeit ist dort ein Thema. „In meiner Tätigkeit habe ich viel mit Menschen zu tun, die Witwer oder Witwe sind. So ein erstes Weihnachten ohne den Partner oder die Partnerin ist für viele eine große Herausforderung. An dem Fest hängen intensive Gefühle und Erinnerungen.“

Einsamkeit betrifft Menschen jeden Alters

Menschen jeden Alters kennen diese Not, wenn einem sozusagen die Decke auf den Kopf fällt. „Und auch wenn Familie da, heißt das noch lange nicht, dass man nicht einsam sein kann“, weiß die Gemeindereferentin. Überrascht hat sie beim Online-Austausch in der vergangenen Woche mit dem Titel „Weihnachten allein?“, dass in dem kleinen Kreis der Teilnehmenden niemand dieses Jahr Weihnachten ganz allein verbringen wird. Dennoch wurden Erfahrungen über solche Situationen ausgetauscht. „Eine Teilnehmerin erzählte von ihrem ersten Weihnachten nach dem Tod ihres Ehemanns. Sie sprach davon, wie sie auf den Weihnachtsmarkt gegangen war, die Mitternachtsmette mitgefeiert und an Weihnachten schön gekocht hatte. Sie hatte es sich erlaubt, sich die Festtage schön zu gestalten.“
Eine zweite Teilnehmerin bedauerte es, dieses Jahr die erweiterte Familie nicht sehen zu können. Sie kam durch das Online-Gespräch mit Judith Pfau auf die Idee, die neue Technik für sich selbst zu nutzen und an Weihnachten ein Treffen per Zoom für die ganze Familie zu organisieren. Alle Teilnehmenden suchten Ideen, wie sie ihr Weihnachtsfest verschönern könnten, und stimmten sich in einer Meditation auf die Festtage ein.
„Wenn gewohnte Formen und familiäre Traditionen wegbrechen, kann das eine Einladung sein, für sich neue Wege zu finden“, sagt die Kirchenmitarbeiterin. „Ganz wichtig ist es dann zu spüren, was mir gut tut und was mir entspricht und dann kreativ ganz eigene Wege zu entwickeln, das Weihnachtsfest wohltuend zu gestalten.“ Die Lieblingsmusik hören, einen Spaziergang machen, in Ruhe die Weihnachtspost lesen, gezielt Kontakte pflegen … Doch Judith Pfau ist damit noch nicht beim Eigentlichen angekommen. „Rahmen“ nennt sie diese Dinge, die Menschen, wenn der Erwartungsdruck wegfällt, selbst gestalten können, um sich die Feiertage zu verschönern. „Die Festtage laden ein, nach innen zu spüren: Wie kann in uns Weihnachten werden? Wie berührt das Weihnachtsgeschehen mein Herz?“ Die Gemeindereferentin nennt es „dieses Licht, diese bedingungslose göttliche Liebe, die immer da ist und in uns hineingeboren werden möchte“. Sie ist sicher: „Wenn wir Gottes sanfte Gegenwart als Frieden in unserem Herzen spüren, dann fühlen wir uns nicht einsam“. Doch sie weiß auch, dass viele Menschen sich schwer tun, sich um ihr Inneres zu kümmern. „Wir haben nicht gelernt, die Liebe in uns zu nähren.“

„Ich bin ja da, und Gott auch“

Ihre Online-Angebote ermöglichen auch Menschen, die das Haus nicht verlassen können oder wollen, Gemeinschaft und Austausch zu genießen. „So sind die Menschen in Übung – auch für einsame Zeiten. Dann kann man spüren, auch wenn man allein ist: Ich bin ja da, und Gott auch, und mein Leben hat einen Sinn. Im Bewusstsein, dass wir mit allem verbunden sind, können wir als Christen aus dieser inneren Fülle heraus auch an Weihnachten für Menschen in Not beten, auch auf Distanz den Segen aus unserem Herzen zu unseren Familien fließen lassen.“ Naturwissenschaftliche Einsichten bestätigten, dass Menschen auf diese Weise tatsächlich segensreich wirken, sagt die Gemeindereferentin.
Das Problem mit der Einsamkeit sei, dass Menschen sich zu sehr mit dem Außen identifizieren, und wenn dieses Außen wegbricht, sich ein Loch auftut. Zum Beispiel eine Mutter, die eine Leere empfindet, wenn die Kinder ausziehen. Judith Pfau: „Diese Lebensphase ist vorbei. Vergleichbar mit der Kindheit. So eine Phase bleibt zwar in uns, sie gehört zu uns, aber es entsteht immer wieder Neues im Leben.“ Wer an den alten Bildern festhält, leidet. Es brauche Mut, sich nach vorne und nach dem Hellen auszurichten.

Das Fest als Chance, Selbstliebe zu kultivieren
Judith Pfau ist überzeugt, dass man lernen kann, sich in sich selbst wohlzufühlen, Geborgenheit zu empfinden, unabhängig von den Umständen. Weihnachten biete eine Chance, diese Selbstliebe zu kultivieren. „Es heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dieser zweite Teil kommt im Christentum manchmal etwas kurz“, findet sie. „Wenn wir in uns Fülle erfahren, dann fließt diese Freude über und andere haben Anteil daran.“ So könne das anstehende Weihnachtsfest ein Anlass sein, „in uns das Glück zu erfahren: Gott wird in mir Mensch“.

Von Anja Weiffen

Tipps:
Was tun, wenn man Weihnachten alleine ist? Hier ein paar praktische Tipps, „um einen Rahmen zu schaffen“, wie Judith Pfau sagt.

  • Wohnung schmücken mit Zweigen, Kerzen, Schmuck
  • Sich mit Papier und Stift hinsetzen und folgenden Satz vollenden: Mein Weihnachtsfest 2021wird das schönste, das ich je erlebt habe, indem ich ...
  • Frühzeitig Menschen fragen, wie sie Weihnachten verbringen – so findet man Leute, die auch allein sind, und man kann sich gegebenenfallls treffen.
  • Vorab verabreden zu einem Telefonat, Skype, Video-Familientreffen
  • Weihnachtspost für Heiligabend aufheben und dann in aller Ruhe lesen, an diese Menschen denken in Dankbarkeit
  • Sich ein Buch bereit legen, das einen bereichert
  • Sein Lieblingsessen zubereiten
  • sich engagieren: bei der Gemeinde fragen, wo Hilfe gebraucht wird
  • Der Nachbarin selbst gebackene Plätzchen vor die Tür stellen.

www.judithpfau.de