23.01.2019

Serie "Und Tschüss?!" – Teil 4

Was Mama nicht weiß ...

In der Kirche bleiben oder gehen? Das ist die Frage in der Serie „Und Tschüss?!“. Die Entscheidungen sind gefallen. Wie haben Petra Waldman*, Richard Jökel und Ulrike Klose es ihrer Familie mitgeteilt? Folge 4: „Mein Umfeld und meine Entscheidung“. Von Sarah Seifen.

Schild "Psst...." Foto: Adobe Stock
Vielen Menschen fällt es schwer, über ihren Kirchenaustritt zu sprechen.
Foto: Adobe Stock

Was bisher geschah: Für die einen sind es Aufregerthemen, dass Priester nicht heiraten oder dass Frauen keine Priesterinnen werden dürfen. Die vielen Missbrauchsfälle gehen den Menschen nahe. Für Petra Waldman*, Richard Jökel und Ulrike Klose sind diese Themen aber keine Gründe, aus der Kirche auszutreten. Unabhängig davon haben die Drei sich entschieden. Die Entscheidung, aus der Kirche auszutreten ist schwerwiegend, aber sie muss nicht endgültig sein, wie am Beispiel von Richard Jökel deutlich wird.

Die Entscheidung der Familie, Freunden oder anderen Menschen im Umfeld mitzuteilen, fällt nicht leicht. Nicht ohne Grund steht hinter Petra Waldman ein Sternchen. Ihr Name ist geändert. Sie möchte nicht, dass bestimmte Menschen in ihrem Umfeld von ihrer Entscheidung erfahren. Deswegen heißt Folge 4: „Was Mama nicht weiß – Mein Umfeld und meine Entscheidung“.

Petra WaldmanPetra Waldman*

Der Tag kam, es war an einem Familienwochenende, da musste Petra Waldman es ihren Eltern sagen. Denen, die sie glücklich aufwachsen gesehen haben in der Kirche, als Messdienerin, als Jugendgruppenleiterin. Ihre Tochter, die sie im Glauben erzogen hatten, war aus der Kirche ausgetreten. Ein Schock. „Meine Mutter hat Rotz und Wasser geweint“, sagt Petra Waldman.

Ein Blick zurück: 50 Jahre nach ihrer Taufe geht Waldman – es war kurz nach ihrem 50. Geburtstag – zum Amtsgericht Fulda. Das kostet sie Überwindung: „Das ist für mich schambesetzt, ich will da nicht gesehen werden.“ Aber sie trifft einen Bekannten. „Ich hab’ gedacht, mich haut’s um. Ich stand vor dem Zimmer und dann kam ein Freund vorbei.“ Es ist der Mann ihrer ältesten Freundin, der im Gericht arbeitet. Er holt sie mit in sein Büro und sie erzählt ihm vom Austritt und verpflichtet ihn zum Schweigen.

Petra Waldman erzählt die Geschichte heute, sechs Jahre später, mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Auf dem Esszimmertisch stehen Kaffee und Kuchen. Die Waldmans sitzen fast jeden Tag so zusammen. Mit ihrem Mann hat Petra Waldman ihre Entscheidung, aus der Kirche auszutreten, ganz eng abgesprochen. „Ich hab’ zu ihm gesagt: ‚Wir haben kirchlich geheiratet, deswegen will ich hören, wie du das siehst.‘“ Ihr Mann, der selbst Mitglied der katholischen Kirche ist, akzeptierte die Entscheidung.

Für Petra Waldmans Eltern ist es schwer. „Trotzdem sagten sie am Ende des Gesprächs: ‚Du bleibst immer unsere Tochter.‘ Sie wissen, dass ich christlich lebe, wie der Herr Jesus es gewollt hätte.“ Mit anderen können die Eltern darüber aber nicht sprechen, so die 56-Jährige: „Meine Eltern schämen sich. Ihre Clique soll das nicht wissen.“ Auch sechs Jahre nach dem Austritt ist das noch so. Petra Waldman möchte deswegen nicht erkannt werden, sie möchte ihre Eltern nicht noch einmal verletzen.

Ulrike Klose Zeichnung: Sarah SeifenUlrike Klose

Ulrike Klose schüttelt den Kopf. Sich vor dem Umfeld für ihr vieles ehrenamtliches Tun in der Pfarrei rechtfertigen? Das kennt sie nicht. „Da sagt schon mal jemand: ‚Schon wieder in der Kirche, was machst du da denn dauernd?‘“ Negativ gemeint sei das aber nicht. Die katholische Kirche gehört zu ihr und ihrem Umfeld einfach dazu.

 

Richard JökelRichard Jökel

Richard Jökel schaut auf ein kleines Foto im Regal. Darauf zu sehen sind seine zwei Söhne Benedikt und Felix. Beide wissen nicht, dass ihr Vater mit Mitte 20 aus der Kirche ausgetreten war. Geboren wurden sie danach.
„Mein Wunsch war es immer, dass meine Kinder in der Kirche aufwachsen, also hab’ ich sie taufen lassen.“ Dass das verrückt klingt, sagt Jökel selbst. Er schüttelt den Kopf. „Ich war da ja nicht Mitglied der Kirche.“

An der Einrichtung im Haus von Richard Jökel in Karben wird deutlich: Dieser Mann ist viel gereist. Er arbeitete viele Jahre in der Entwicklungspolitik in Afrika, in China und Vietnam. Besonders sein Aufenthalt in China hat ihn geprägt, erzählt er: „Da bin ich mit den zwei Kirchen dort in Berührung gekommen: mit der staatlich sanktionierten und mit der katholischen Untergrundkirche.“ Zur letzteren ging er immer öfter zur Messe. In Wohnzimmern. Aber es blieb in seinem Hinterkopf: Er ist nicht Mitglied der katholischen Kirche, darf nicht zur Kommunion. „Ich hab’ da quasi zweimal illegal Gottesdienst gefeiert.“ Gesagt hat er das niemandem.

Die Begegnungen in fremden Ländern haben den heute 67-Jährigen geprägt: „Das hat mich immer so gefesselt. Die Menschen haben mich immer in ihrer Gemeinschaft aufgenommen.“
Richard Jökels Umfeld war immer katholisch. Seine Familie wusste nichts vom Kirchenaustritt. Aber sein Sohn Felix war es, der ihn zu einer weiteren Entscheidung brachte. Die kam 2012.

So geht es weiter: Nächste Woche gibt es die Auflösung: Warum haben die drei Personen ihre Entscheidung getroffen?
Petra Waldman* erzählt, wie es zu ihrem Kirchenaustritt kommen konnte, obwohl sie sich als Kind und Jugendliche immer wohl gefühlt hatte in der Pfarrgemeinde. Richard Jökel erklärt, warum es bei ihm nicht beim Kirchenaustritt blieb, und Ulrike Klose sagt, was Kirche ihr bedeutet und warum sie die Kirche nie verlassen würde.
Außerdem: Die Zeichnungen werden real: So sehen Richard Jökel und Ulrike Klose in echt aus. Und: So geht die Wiederaufnahme in die Kirche. Gemeindereferentin Gabriele Braun von punctum in Frankfurt ermutigt zur Rückkehr. Fortsetzung folgt ...

* Name von der Redaktion geändert

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