09.05.2018

Was wirklich wichtig ist

Er geht einen außergewöhnlichen Weg: Tobias Postler wird nach seiner Weihe an Pfingstsamstag ein Priester mit Zivilberuf sein. Das heißt, er wird auch weiterhin als Lehrer technische Schulfächer unterrichten. Von Heike Kaiser.

Die Hände eines neugeweihten Priesters werden mit Chrisam gesalbt. | Foto: kna-bild
Die Hände eines neugeweihten Priesters werden mit Chrisam gesalbt. Foto: kna-bild

Außergewöhnlich, ja, das schon. Aber ein neues Modell priesterlichen Lebens und Arbeitens? „Nein, das ist der Priester mit Zivilberuf, der auch Arbeiterpriester genannt wird, keineswegs“, sagt Tobias Postler. „In manchen Ländern ist vielen Priestern so eine Möglichkeit gegeben, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren“, erläutert der 48-Jährige.

Weder nur das Eine tun noch das Andere lassen

Vor drei Jahren wurde der Braunfelser zum Diakon mit Zivilberuf geweiht. Er unterrichtet Mathematik und Arbeitslehre, Physik und Informationstechnische Grundlagen an der Abendschule in Gießen – und das möchte er auch als Priester so beibehalten. „Ich habe mich in den vergangenen Jahren immer wieder gefragt, was mir wirklich wichtig ist. Dabei wurde mir klar, dass ich weder nur das Eine tun kann, noch das Andere lassen“, berichtet er. „In Zeiten, in denen ich mich rein pastoral-theologisch beschäftigt habe, merkte ich, dass ich auch noch eine Neigung zur Technik in mir trage, die nicht zu kurz kommen darf – jetzt zumindest noch nicht.“

Tobias Postler, Foto: Bistum Limburg
Tobias Postler
Foto: Bistum

Wenn er diese beiden Seiten mit seinem Leben vereine, „geht es mir wesentlich besser, als wenn ich mich nur rein theologisch oder rein technisch betätige“, unterstreicht Postler.
Er ist Bischof Georg Bätzing „sehr dankbar, dass er meinen Weg unterstützt“. Tobias Postler freut sich auf seine zukünftigen Aufgaben als Priester. „Vor allem, weil ich so meine Heimatpfarrei St. Anna in Braunfels umfassender als bisher unterstützen kann, besonders durch die Feier der heiligen Messe.“

Als Lehrer an der Abendschule in Gießen arbeitet er pädagogisch mit Menschen, die eine zweite Chance wahrnehmen, als Priester liegt ihm die Kirchengemeinde genauso am Herzen. Wie schafft er es, das miteinander zu verknüpfen? „Die Frage ist doch vielmehr, warum ich das mache“, entgegnet der 48-Jährige. „Warum setze ich mich morgens mit pastoralen Anliegen auseinander und unterrichte abends, wenn ich eigentlich Freizeit haben könnte, in einer Schule?“ Als Diakon mit Zivilberuf habe er das Zusammenspiel von beidem als ausgleichend wertschätzen gelernt. „Irgendwie habe ich im Zusammenspiel beider Institutionen – Kirche und Schule – für mich ein Zuhause gefunden, in dem ich gern wohne und das mir Zufriedenheit schenkt“, erläutert Postler.

Er spricht begeistert und begeisternd von dem Weg, den er gewählt hat. Dazu passt sein Weihespruch „Siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Matthäus 28,20). „Ohne eine gewisse Begeisterung für etwas kann kein Mensch kreativ sein“, beteuert der Weihekandidat. Er räumt jedoch ein, bei aller Begeisterung auch immer wieder schwere Zeiten zu erleben. „Dank guter Mitmenschen und meinem inneren Gebet gelang es mir bis heute, immer wieder neue Kraft zu schöpfen, durchzuhalten und nicht aufzugeben.“ Der Weihespruch, den er gewählt hat, „ist auch heute eine wertvolle Botschaft, die für mich und für viele hilfreich ist. Uns allen gilt doch die Zusage, dass wir nicht allein sind, sondern Christus, der viel Leid ertragen musste, ja, sogar für uns durch den Tod ging, auch auferstanden ist“, begründet Tobias Postler, warum er sich für diese Bibelstelle entschieden hat.

Am Samstag vor Pfingsten, 19. Mai, wird er von Bischof Georg Bätzing im Limburger Dom zum Priester geweiht, als Einziger in diesem Jahr. Fühlt er sich da nicht ein bisschen einsam? „Ja, leider ist das diesmal tatsächlich so“, bedauert er. „Einsam fühle ich mich zwar nicht, doch hätte ich trotzdem gern Limburger Mitbrüder, mit denen ich mich gemeinsam hätte vorbereiten können.“

Die Weiheliturgie am 19. Mai beginnt um 10 Uhr. Anschließend lädt Regens Christof Strüder alle Mitfeiernden zu einem Mittagessen in das Bischöfliche Priesterseminar (Weilburger Straße 16) ein. Zeitgleich werden Kandidaten aus den Bistümern Aachen, Hamburg, Hildesheim und Osnabrück zu Priestern geweiht, mit denen sich Tobias Postler gemeinsam auf die Weihe vorbereitet hat.

 

Zur Person: Er bleibt in der Heimatpfarrei

Die Heimatpfarrei von Tobias Postler (48) ist St. Anna Braunfels. Er ist Lehrer für Mathematik und Arbeitslehre, Physik und Informationstechnische Grundlagen an der Abendschule in Gießen. Postler wurde zunächst zum Zahntechniker ausgebildet und hat anschließend ein Ingenieurstudium absolviert. Mehrere Jahre lang arbeitete er in einem Unternehmen der Zahn-Medizintechnik in der Abteilung für Qualitätssicherung, Forschung und Entwicklung. Postler hat danach Theologie studiert und das Studium mit einem weiteren Diplom abgeschlossen. Nach einer Referendariatszeit erhielt er im Rahmen des zweiten Staatsexamens die Lehrbefähigung in den Fächern Katholische Religionslehre, Mathematik und Arbeitslehre. Am 25. April 2015 wurde er zum Diakon mit Zivilberuf geweiht und blieb in seiner Heimatpfarrei tätig. Auch als Priester mit Zivilberuf wird Tobias Postler in St. Anna, Braunfels eingesetzt. (kai)

 

Meinung: Chance nutzen

Heike Kaiser
Redakteurin Heike Kaiser

Tobias Postler wird sicher nicht „Priester mit Zivilberuf“, weil er sich damit seinen Lebensunterhalt finanzieren muss. Aber er nutzt so die Chance, zwei Seiten seines Lebens miteinander zu verknüpfen, die ihm wichtig sind: Als Lehrer in einer Abendschule in Gießen technische Fächer zu unterrichten und in seiner Heimatpfarrei St. Anna Braunfels pastoral-theologisch zu wirken. Das hat er bereits als Diakon mit Zivilberuf getan. Da ist es nur konsequent, weiterhin das Eine zu tun, ohne das Andere zu lassen. Schön, dass Bischof Georg Bätzing diesen Weg unterstützt. Und: Priester ist Tobias Postler ja auch in der Schule.

Von Heike Kaiser