28.07.2022

Das Ethik-Eck: Mitgefühl zeigen

Wenn jemand in der Nachbarschaft stirbt

Die Frage lautet diesmal:
„In unserem Mehrfamilienhaus (30 Parteien) haben wir untereinander kaum Kontakt. Jetzt habe ich erfahren, dass der Mann einer Mitbewohnerin gerade gestorben ist. Ich würde gerne mein Mitgefühl zeigen. Aber um sie anzusprechen, fehlt mir der Mut. Gibt es einen guten Weg?“


Ein Blick kann reichen
Meine Erfahrung aus verschiedenen Settings, in denen ich gewohnt habe, ist: Nachbarschaft kann sehr unterschiedlich gelebt werden. Es gibt einen Schlag Nachbarn, der Pakete für dich annimmt oder deine Blumen gießt, wenn du im Urlaub bist. Mit manchen kommt man bei Gelegenheit über den Gartenzaun oder den Balkon auf ein Bier ins Gespräch. Andere teilen Freud und Leid des Lebens mitein-ander. Das ist nicht für jeden etwas! Manchmal ist man einfach dankbar, wenn die Absprachen und Lautstärkeregelungen zuverlässig funktionieren und man möglichst anonym leben kann. Wichtig ist: Jede Partei kann andere Bedürfnisse haben, und nicht jede Kombination funktioniert miteinander.  

Bernadette Wahl hat Theologie
und Religionspädagogik studiert,
ist systemische Beraterin und
arbeitet für das Bistum Fulda in
der Citypastoral.

In unserem Fall im Mehrfamilienhaus mit mehr als 30 Parteien ist jedoch etwas passiert, was die alltägliche Dynamik durchbricht. Es macht betroffen, von einem Schicksalsschlag zu hören – gerade, wenn man den Angehörigen räumlich so nah ist. Es ist auch verständlich, dass es nicht leichtfällt, einen so tragischen Verlust persönlich anzusprechen, wenn es kaum andere persönlichen Begegnungen vorher gab.  
Die Fähigkeit und Bereitschaft, Gefühle und Gedanken einer anderen Person wahrzunehmen und nachzuempfinden, ist kostbar. Empathie unterscheidet uns nicht nur von Maschinen, sondern ist eine wichtige Komponente des Mensch-Seins generell. Ich finde es schön und beruhigend, dass wir eine solche angeborene Resonanzfähigkeit haben. „Es macht was mit uns“, könnte man sagen. In mir macht es gerade, dass ich meiner Mitbewohnerin von Herzen viel Kraft und Gutes wünsche – auch wenn ich sie nicht wirklich kenne. Meine Gedanken sind bei ihr und ihrer Familie. So ähnlich wie wenn man für jemanden betet oder jemanden segnet.  
Es tut einfach gut, gesehen und verstanden zu werden. Spüren kann man das oft sogar im Kleinen: Ein Blick kann reichen. Dieses echte Mitgefühl ist in der Lage zu trösten, uns miteinander zu verbinden, bei Einsamkeit zu helfen, zu entkrampfen und vieles mehr. Daher noch ein paar ganz praktische Ideen für den Hausflur:  
Wirf eine achtsam ausgesuchte Karte mit wenigen, aber lieb gemeinten Worten in den Briefkasten der Nachbarn.  
Stell Kuchen oder Blumen mit einer kleinen Notiz vor die Tür der Nachbarn.
Biete an, die Mülltonnen oder das Putzen des Treppenhauses für eine bestimmte Zeit zu übernehmen.

 

Mutig sein
Was für ein schöner Impuls: jemandem Mitgefühl ausdrücken wollen, jemandem beistehen wollen!
Fragt sich – wie? Viele Menschen tun sich schwer, haben Bedenken, die Worte könnten unpassend sein, zu künstlich oder im Gegenteil zu plump. Und: Will das der Trauernde denn überhaupt?

Ruth Bornhofen-Wentzel war
Leiterin der Ehe- und Sexualberatung
im Haus der Volksarbeit in Frankfurt.

Dahinter stehen oft eigene Scheu und Berührungsängste; wer hat schon gern mit dem Tod zu tun. Und es gibt immer weniger „Übliches“, traditionelle Rituale, die vorgeben, was zu tun wäre und dadurch helfen und in denen man sich auch ein bisschen verstecken kann.
Und oft, wie auch hier: Man kennt sich gar nicht so gut, als dass sofort klar wäre, was passt.
Viele wissen allerdings selbst aus eigener Betroffenheit, wie gut es tut, angesprochen zu werden, Blumen, eine Karte oder einen Brief zu bekommen.
Viele erinnern das noch lange, heben die Zeichen der Verbundenheit auf, zehren von den Signalen: Du stehst nicht alleine jetzt, wir haben deinen Toten auch gekannt und erinnern uns.
Deswegen darf man mutig sein.
Wenn das direkte Aufeinander-Zugehen zu schwierig scheint, hilft vielleicht auch eine Karte, die in den Briefkasten eingeworfen wird. Eine indirekte Kontaktaufnahme, die durch das Geschriebene persönlich werden kann.
Aber was schreiben?
Menschen, die sich auskennen, raten zu einfachen und persönlichen Worten. Nichts aus dem Internet, eher keine Trost-Sprüche oder „Weisheiten“.
Eher so wie: Ich habe gehört, dass… es tut mir leid… auch wenn wir uns nicht besonders gut kannten, haben wir uns immer mal zu einem kurzen Plausch … oder irgendeine Alltagsbegebenheit dieser Art …
Keine Ratschläge, kein: Zeit heilt; nur Versprechen, die man wirklich halten will und kann (ich melde mich mal). Kein gut gemeinter vermeintlicher Trost (es war doch auch schon ein hohes Alter, es war doch auch eine Erlösung).
Wenn Hilfsangebote, dann konkrete, und vorher gefragt, ob erwünscht.
Bibel und Glaube, wenn es für den Schreibenden stimmt; nichts, was bedrängt.
Ein Gespräch oder eine Karte wirken aus sich selber: Jemand stellt sich neben die Trauernden und teilt die Situation. Er oder sie ist da. Anerkennt: Das Schlimme ist schlimm.
Und muss sich nicht auskennen: Trauer ist vielfältig, ist manchmal kompliziert, gerade wenn die Beziehungen zwischen Verstorbenem und Zurückbleibendem nicht so gut waren. Das muss man alles gar nicht genau wissen oder beurteilen.
Für den Moment bedeutet es viel, da zu sein. Ob sich mehr daraus ergibt, kann sich entwickeln und wird sich zeigen.

 

Eine Karte mit Blumengruß
Meine erste Reaktion auf die Frage war: Wo liegt das Problem? Oder besser, weil genauer: Wo liegt das ethische Problem? Wir befinden uns im Ethik-Eck.
Kaum untereinander Kontakt in einem so großen Mehrfamilienhaus zu haben, dürfte heute in vielen Fällen üblich sein. Das sage ich ohne moralische Vorhaltungen. Die Anonymität des städtischen Lebens ist eine Realität, die nüchtern anzuerkennen ist. Dennoch Mitgefühl zeigen zu wollen, wenn man vom Tod des Partners einer Mitbewohnerin erfahren hat, ist eine menschlich berührende Reaktion. Sie zeigt, dass uns der Tod eines anderen Menschen und der Schmerz der Angehörigen nicht kalt lassen. Mitgefühl ist eine unverzichtbare Ressource für das Zusammenleben. Sie ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit. Nur fehlt in der konkreten
Situation der Mut, dieses Mitgefühl durch eine direkte Ansprache auszudrücken.

Stephan Goertz, Professor
für Moraltheologie an der
Universität Mainz.

Diese Scheu ist verständlich, wenn der Kontakt im Haus nur sehr lose ist. Wieviel Mut lässt sich vorschreiben? Oder zu Recht erwarten? Das lässt sich nicht generell beantworten. Es liegt wie so oft an der Situation und am individuellen Vermögen einer Person. Was für den einen keine große Überwindung ist, kann für den anderen unzumutbar erscheinen. Wir wissen, wie unterschiedlich unsere Fähigkeiten und Kräfte ausgebildet sind. Vielleicht macht es Mut, wenn man ahnt, wie froh die Mitbewohnerin ist, wenn sie dieses unerwartete Mitgefühl erleben darf. Wir kennen diese Momente, wo wir uns anschließend freuen, mutig gewesen zu sein.
Aber es gibt, um bei unserer Frage zu bleiben, gute andere Möglichkeiten, das Mitgefühl auszudrücken. Zum Glück. Denn so kann es zu einer Handlung kommen, ohne sich selbst überfordern zu müssen oder ganz auf die schöne Geste zu verzichten. Ein guter Weg – das ist eine meiner Meinung nach naheliegende Möglichkeit – wäre es, der Mitbewohnerin eine Karte zu schreiben, vielleicht mit einem Blumenstrauß verbunden. Mit einer Karte zu kondolieren hat den Vorteil, dass man sich in Ruhe überlegen kann, was man ausdrücken möchte. Und die Mitbewohnerin kann sich Zeit nehmen für ihre Reaktion. Beides ist stimmig, wenn man sich im Haus eher flüchtig kennt und die persönliche Begegnung darum vielleicht nicht so ungezwungen verläuft, wie man es sich wünschen würde.