27.01.2022

"Das Ethik-Eck"

Wer muss verzichten?

Die Frage lautet diesmal: „Seit Jahren fahren wir fünf Freundinnen für eine Woche in den Skiurlaub. Jetzt steht wieder die Planung an. Eine Freundin ist nicht geimpft. Ich möchte deshalb so nicht mit ihr gemeinsam fahren. Wer muss verzichten?“


Das „Und“
Seit fünf Jahren fahren wir Freundinnen gemeinsam in den Skiurlaub. Wir haben den ganzen Urlaubs-Planungs-Prozess also schon mehrfach durch und können gut miteinander diskutieren, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind. Wir kennen es: Wie teuer darf es werden? Welches Skigebiet? Wieviel Tage sind für uns die richtige Länge? Wann passt ein Termin für alle? Après-Ski oder Spieleabende oder beides? Und so weiter.
Rein von den äußeren Umständen ist die gestellte Frage recht leicht zu beantworten. Ich habe mich informiert: Ungeimpften ist es aktuell in den gängigen Skigebieten nicht möglich, Ski-Urlaub zu machen. Die staatlich festgelegten Zugangsbeschränkungen sind klar. Also bleibt meine ungeimpfte Freundin wohl Zuhause. Aber löst das das Problem? Ist es okay, wenn wir anderen trotzdem ohne sie fahren? Und wie spreche ich die Thematik im Freundeskreis an?
Für mich ist es wichtig, gesundheitlich kein Risiko einzugehen und andere nicht zu gefährden. Gleichzeitig verbindet mich mit meiner Freundin einiges – auch über unseren jährlichen Urlaub hinaus. Mir fällt es aktuell schwer zu verstehen, dass wir in dem Punkt der Impfung so anders denken. Aber geht es nicht bei einer Freundschaft immer wieder darum, mein Gegenüber verstehen lernen zu wollen? Ich habe zu wenig Informationen darüber, aus welchen Gründen meine Freundin so denkt. Ein bisschen Angst um unsere Freundschaft habe ich schon. Aber ich kenne sie gut und nehme an, dass sie so etwas nicht leichtfertig entscheidet. Freunde sein heißt eben auch, schwierige Fragen zu stellen, Spannungen auszuhalten und Verbindung zu suchen – auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind.
Aber warum gehe ich davon aus, dass es entweder „die Freundschaft“ oder „die Gesundheit“ sein muss und einer der beiden Werte verlieren muss? Ich entscheide mich dafür, in beides zu investieren.
Es wird mir sicher nicht leicht von der Hand gehen: Meine eigene Grenze gesundheitlich deutlich und angstfrei zu kommunizieren und gleichzeitig in der Freundschaft Verbindung und Verständnis zu suchen. Aber für meine Freundin will ich es mit dieser „Und-Haltung” versuchen. So möchte ich in das anstehende digitale Gespräch mit meinen Freundinnen gehen und bin mir sicher, dass wir auch diese Situation gemeinsam meistern können.

Bernadette Wahl hat Theologie und Religionspädagogik studiert, ist systemische Beraterin und arbeitet für das Bistum Fulda in der Citypastoral.
 

Veränderung
Die Entscheidungen, wer mit welchem Impfstatus in welches Land in Urlaub fährt, Skilifte nutzen kann oder im Restaurant isst, werden im Moment ja durch andere getroffen: durch all die Schutz- und Hygienevorschriften. Das wird keine Entscheidung der Freundinnen sein. Trotzdem ist es so: Es geht ein Riss durch die Gruppe. Was jahrelang vertraute Praxis war, funktioniert nicht mehr. Gemeinsam Skifahren war ein Highlight, von dem man zehren und erzählen konnte. Und offensichtlich hat es bisher immer geklappt, sich abzustimmen. Das ist jetzt anders: Die Pandemie bringt Sorgen und Ärger. Genau genommen, passiert das auch sonst: Man findet sich zusammen in einer Gruppe, die etwas teilt, eine Lebenssituation, ein gemeinsames Interesse. Da verbindet der Sport, weil es viel mehr Spaß macht, wenn man nicht alleine über die Piste fährt, da gibt es den Familienkreis, der sich über die kleinen Kinder findet, sich gegenseitig unterstützt. Da gibt es die Gruppe, die sich gemeinsam für oder gegen etwas engagiert – allein könnte man da gar nichts ausrichten.
Ja, und dann verändert sich etwas. Familien entwickeln sich, die Kinder gehen eigene Wege; in der Sportgruppe hat der eine was am Knie und die andere immer weniger Zeit; Die Kollegen, mit denen ich mittags essen ging, wollen seit neuestem in einen veganen Imbiss. Und die großen Veränderungen: Jemand zieht weg, Paare finden oder trennen sich.
Und jetzt?
Wenn eine so wichtige Konstante verschwindet, tut das oft weh und verunsichert. Es gab die unreflektierte Idee, es würde immer so weitergehen. Als ob es ein „Immer“ überhaupt geben könnte. Aber wir hätten es gerne. Diese Gewohnheiten im Alltag sind neben Familie und Arbeit enorm wichtig. Sie malen mir das Bild von mir selbst aus, mir und den anderen: Ich gehöre dazu, ich bin Teil der Skitruppe, ich habe Freundinnen. Und wenn mir eine so wichtige Stabilisierung genommen wird, bin ich oft getroffen, gekränkt. Schade, wenn das Ganze dann zerbricht. Wenn die Freundinnen sagen würden: nur so oder wenn nicht, dann nie mehr.
Denn es gibt einen Schatz an gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnissen. Es gibt eine Verbundenheit, um die es schade wäre. Vielleicht hilft es anzuerkennen, dass es nun mal ständige Veränderungen gibt, auch wenn man sie nicht mag. Also welche Art Kontakt ginge, wenn man dieses Jahr nicht mit allen zusammen wegfahren kann? Skifahren mit der halben Gruppe? Online- und Telefonkontakte, damit man hört, wie’s geht? Ein Treffen im Sommer?
Sich zu einigen, das geht natürlich erst nach einem Gespräch, in dem Wünsche und Bedenken ausgesprochen werden dürfen. Und in dem man sich möglichst keine Vorwürfe macht, sondern sich müht zu akzeptieren, dass Veränderungsprozesse dazu gehören.

Ruth Bornhofen-Wentzel war Leiterin der Ehe- und Sexualberatung im Haus der Volksarbeit in Frankfurt.
 

Fragen
Wieder einmal eine alles andere als schnell zu beantwortende Frage! Aber das ist ja das typische an vielen moralischen Fragen, dass die Antworten, die wie aus der Hüfte geschos-sen daherkommen, nicht immer die besten sind.
Ich habe an die Frage eine Reihe von Rückfragen, die mich mit einer raschen Antwort zögern lassen. Aus welchen Gründen wollen Sie nicht mit der nicht geimpften Freundin verreisen? Weil sie eine überzeugte Impfverweigerin ist, mit der Sie sich nicht auch noch im Urlaub ständig auseinandersetzen wollen? Ein für mich nachvollziehbarer Grund, auf Distanz zu gehen. Oder geht es in erster Linie um die größeren Risiken und die Einschränkungen für Sie und die Freundinnen, wenn eine aus der Gruppe nicht geimpft ist? Auch das ist ein guter Grund, den Sinn eines gemeinsamen Urlaubs in Frage zu stellen. Beides legt die Antwort nahe, dass Ihre Freundin unter diesen Umständen an der gemeinsamen Reise nicht teilnehmen sollte. Sie mutet den anderen Belastungen zu, die zu vermeiden wären, wenn sie sich impfen ließe. Warum sollten also gerade Sie auf die Fahrt verzichten?
Aber ich hatte angedeutet, dass es noch weitere Aspekte gibt, die eine Rolle spielen können. Ich meine damit die Frage, wie denn ihre anderen Mitfahrerinnen zu dem Verhalten der nicht geimpften Freundin stehen? Es könnte sein, dass sie sich dadurch nicht sonderlich eingeschränkt fühlen, und dass sie das Verhalten der Freundin zwar nicht befürworten, aber doch tolerieren. Die Sorgen, die sich Menschen in der Pandemie um ihre Gesundheit und die ihrer Angehörigen machen, sind aus verschiedenen Gründen unterschiedlich ausgeprägt. Das Bedürfnis, durch die Impfung wieder ein Mehr an sozialem Leben genießen zu können, ist nicht bei allen in gleichem Maße vorhanden. Es könnte also sein, dass Sie in der Gruppe die Einzige sind, die sich eine gemeinsame Urlaubsfahrt nicht vorstellen kann. In diesem Fall könnte es tatsächlich am Ende für Sie heißen, sich gegen eine gemeinsame Fahrt zu entscheiden, wenn die anderen vier Freundinnen eine andere Haltung einnehmen als Sie.
Ob die nicht geimpfte Freundin sich selbst die Frage stellt, ob sie durch ihr Verhalten die Fünfergruppe sprengt, weil sie Ihnen die Mitfahrt unmöglich macht, steht auf einem anderen Blatt. Sie könnte, wenn sie über diese Frage nachdenkt, zu dem Entschluss gelangen, in diesem Jahr auf die Mitfahrt zu verzichten. Für diese Entscheidung sprächen aus meiner Sicht sehr gute Gründe.

Stephan Goertz Professor für Moraltheologie an der Universität Mainz.