21.07.2020

Teilen – weil andere Menschen eben nicht egal sind

Die „Fragen der Menschen“: Hier stehen Antworten auf Ihre Fragen, die Klarheit bringen. Heute gibt Thomas Weißer Auskunft. Er ist Professor für Theologische Ethik an der Uni Bamberg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Fragen der Alltagsmoral. Also auch die Frage: Wie geht Teilen konkret?

Hohe Würdenträger sprechen sich für finanzielle Hilfen der Kirche in Zeiten der Pandemie aus. Ist es denkbar, dass gerade sie einen Teil ihres Gehalts an caritative Einrichtungen spenden? Für wen gilt „der Zehnte“ aus der Bibel? 

Zum Beispiel Zeit und Kraft teilen: Einkaufshilfe in Corona-Zeiten.
Zum Beispiel Zeit und Kraft teilen: Einkaufshilfe in Corona-Zeiten.

Teilen ist eine christliche Grundhaltung. In jedem Gottesdienst wird das Teilen geübt: Brot, Worte und der Friedensgruß werden geteilt und ausgeteilt. Teilen ist darüber hinaus eine Haltung, die sagt: Ich sehe andere, die in Not sind und setze mich für sie ein. Das trifft „den kleinen Mann“ wie „hohe Würdenträ-ger“. Der Gedanke, für andere zu sorgen, die es nötig haben, wird auch im biblischen Zehnt festgehalten. Ein wichtiger Gedanke dahinter: Mir sind andere Menschen und ihr Schicksal nicht egal. Ich achte sie als Ebenbild Gottes. Und deshalb setze ich mich für sie – auch finanziell – ein. 

Teilen ganz konkret: Sollten die Bistümer die Mieten für ihre Immobilien nachlassen?

Es gibt, gerade in unsicheren Zeiten, Menschen und Unternehmen, die von einer Krise kaum betroffen sind oder sogar von ihr profitieren, und dann gibt es die, die in existentielle Nöte geraten. Vor allem für die muss Kirche da sein. Und das heißt auch: Sie finanziell unterstützen. Der Mietnachlass für kirchliche Immobilien ist da eine Möglichkeit. 

Sollte es seitens des Arbeitgebers Kirche/Caritas auch einen Bonus für Pflegekräfte in ihren Einrichtungen geben?

Thomas Weißer ist Professor
für Theologische Ethik
an der Uni Bamberg und
lebt in Budenheim im
Bistum Mainz. Foto: privat

Ein einmaliger Bonus ist sicher ein wichtiges symbolisches Zeichen der Wertschätzung. Aber das Problem ist doch: In skandalöser Art und Weise wird die Arbeit in der Pflege und im gesamten Fürsorgebereich unterbezahlt und gesellschaftlich kaum geachtet. Hierfür muss sich Kirche in und nach Corona viel mehr einsetzen, Druck auf die Politik machen, aber auch ihre eigene Praxis als Arbeitgeberin kritisch auf den Prüfstand stellen. 

Teilen geht ja nicht nur materiell. Wie lässt sich jetzt Glauben teilen? Vor allem digital?

Glaube funktioniert nur, wenn er geteilt wird. Hätte Jesus seine Botschaft für sich behalten, das Christentum hätte es nicht gegeben. Insofern lebt Glaube vom Teilen. Ganz egal, ob das analog oder digital geschieht. Es gibt schon viele Jahrzehnte Angebote, in denen Glauben medial geteilt und mitgeteilt wird: Fernsehgottesdienste und Radioanstöße, Kirchenzeitungen und Pfarrbriefe. Heute kommen unzählige digitale Angebote dazu. Was ich besonders spannend finde: In ganz vielen Gemeinden machen sich die Laien auf und entwickeln Angebote fürs Netz. Der Kindergottesdienst, der aus vielen kleinen Videos zusammengestellt wird, unzählige private Blogs. Corona hat hier viele Kräfte freigesetzt, lässt sehen, wie vielfältig und bunt Glauben ist. 

Zeit teilen: Wie kann man aktuell Zeit im kirchlichen Leben besser teilen? Wenn es weniger Präsenz-Veranstaltungen gibt: Könnten haupt- oder nebenamtlich Tätige nicht dort einspringen, wo Ehrenamtliche, vor allem auch ältere Ehrenamtliche, zurzeit überlastet sind oder nicht einsatzfähig? Etwa in der Kirchenmusik oder in diakonischen Diensten zum Beispiel bei Tafeln? 

Haupt- und nebenamtlich Tätige in der Kirche stehen seit langem unter hohem zeitlichen Druck. Große Pfarreiverbünde, ungeklärte strukturelle Fragen, Erwartungen der Glaubenden, da bleibt kaum Zeit übrig. Ich fände es gut, wenn gerade die in der Kirche Beschäftigten durch Corona auch etwas mehr Zeit für sich haben – und diese Zeit nutzen. Zu fragen, was sinnvoll und nötig ist im kirchlichen Leben, sich zu besinnen auf das, was eigentlich zentral ist: Den Glauben lebendig zu halten und als frohe Botschaft weiterzusagen. 

Das kann für jemanden heißen, Ehrenamtliche zu entlasten, für andere, diakonisch tätig zu sein, für dritte, ein Online-Angebot auf die Beine zu stellen. 

Hüten und Mehren von Besitz rechtfertigt sich für Christen streng genommen nur, um dem Gemeinwohl dienen zu können. Gibt es für diese schöne Theorie denn gute praktische Beispiele?

In der Theologie spricht man seit jeher von der Sozialpflichtigkeit des Eigentums. Salopp formuliert: Eigentum verpflichtet. Da die Kirche allerdings eine Gemeinschaft von Menschen ist, gibt’s auch hier Menschliches. Also auch Beispiele für Ausbeutung und Verschwendung. Aber auch viele Beispiele für soziales Handeln, für das Geld vorgehalten und eingesetzt werden muss: Da ist die Übernachtungsstelle für Drogenabhängige, die finanziert werden muss, da ist die kirchliche Hospizinitiative, die ein Haus baut für die Betreuung Sterbender, da ist die Beratungsstelle, die Menschen in Krisen offensteht. In fast jeder Stadt und fast jeder Region weltweit finden sich solche Beispiele, die auch zeigen, dass Kirche mit dem Vermögen, das sie besitzt, Menschen beisteht.

Wird in katholischen Gemeinden – oft eine Versammlung von Mittelstands-Christen – genug getan gegen Armut und Vereinsamung? Eintreten für die Schwachen ist christlicher Glaubensinhalt.

Es gibt unendliche viele Initiativen der Kirchen gegen Armut und Vereinsamung. Da sind die großen Player wie Caritas oder Diakonie. Aber auch viele kleine Initiativen auf Gemeindeebe-ne: der Hol- und Bringservice für den Gottesdienstbesuch, die finanzielle Unterstützung für die Jugendliche, die sonst nicht ins Zeltlager fahren könnte, da macht das gehandicapte Kind selbstverständlich die Kommunionvorbereitung mit, da gibt es eine spezielle Kollekte für ein besonderes Projekt. Wo jeder, und da schließe ich mich ein, mehr tun könnte, ist, deutlich zu machen, dass Kirchengemeinde ein Ort für alle ist. Ein Ort, an dem erkennbar wird, dass jeder Mensch Gottes Ebenbild ist.

Die Fragen hat Johannes Becher ausgewählt.