21.12.2021

Jahresserie "Beste Freunde": Freundschaft mit sich selbst

Wie ich mir selbst Freund werde

„Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst!“ So steht es in den Geboten Gottes, die zur christlichen Weisung für den Lebensweg werden sollen. Mit Gott und dem Nächsten mag das klappen. Aber sich selbst lieben? Wie soll das gehen? Ein Übungsweg mit Martina Patenge, Referentin für Glaubensvertiefung und Spiritualität im Kardinal-Volk-Haus in Bingen.


„Love yourself“ … Liebe Dich selbst – Leichter gesagt als getan

 

„Der/die kann sich selbst nicht leiden!“ hieß es schon zu meiner Kinderzeit über Menschen, die sehr unleidlich waren, ständig an allem herumkritisierten oder die einfach nie zufrieden waren. Das ist zutreffend erkannt und beschrieben: Wer sich selbst nicht leiden kann, wird schnell unleidlich! Soweit ist das klar.

Wer sich nicht so richtig liebhaben kann, hat keine Schuld

Das muss aber so nicht sein und auch nicht so bleiben. Dazu muss man allerdings in der Lebensgeschichte etwas weiter zurückgehen. Denn wer sich selbst nicht so richtig liebhaben kann, hat keine Schuld, für die der ohnehin geplagte Mensch sich auch noch schämen müsste. Es ist eher traurig, wenn es so ist. Die fehlende Liebe zu sich selbst ist meistens die Folge früher Erfahrungen, die nicht gut waren: wenn ausreichend elterliche Liebe und Fürsorge gefehlt hat, wenn ein früher Verlust alles auf den Kopf gestellt hat oder andere Verletzungen geschehen sind. Wenn ein Kind ständig kritisiert oder abgewertet wird und erleben muss, dass es die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen kann, wird es keinen gesunden und freundlichen Blick auf sich selbst entwickeln. Es wird versuchen, die Erwartungen der Eltern zu erfüllen, wird daran vermutlich aber eher scheitern. Und dann übernimmt es deren Sicht: „Ich bin nicht in Ordnung. Ich bin schlecht. Mich kann man ja nicht lieben.“ Das prägt sich tief ein und kann das ganze Erwachsenenleben durchziehen. Und es hat Folgen auch für andere. Denn wer nicht selbst freundlich mit sich umgeht, kann oft auch nicht so richtig freundlich mit anderen umgehen.

Ich kann eine Menge für mich tun, um immer reifer und heiler zu werden

Aber: Die Folgen eines derartigen schwierigen Lebensstarts sind kein unveränderliches Schicksal. Was geschehen oder nicht geschehen ist, lässt sich nachträglich zwar leider nicht ändern. Aber ich kann ändern, wie ich damit umgehe. Ich kann ändern, wie ich Erlebnisse selbst bewerte und welche Macht ich ihnen in der eigenen Lebensgeschichte gebe. Teilweise lassen sich sogar fehlende Entwicklungsschritte der Seele nachholen. Denn das Wunderbare ist: wir sind ein Leben lang lernfähig! Ich kann also eine Menge für mich tun, um immer reifer und immer heiler zu werden. Und ich kann tatsächlich lernen, mir selbst eine gute Freundin zu werden, auch wenn das bisher nicht möglich war. Ja, es ist möglich, und es ist gut, es kostet Mühe und kann höchstens ein bisschen länger dauern.
Warum soll ich mit Selbstzweifeln herumlaufen, wenn mein Leben auch lebendiger und glücklicher sein könnte? Warum soll ich mich ständig schlecht fühlen, weil ich von mir selbst überzeugt bin, dass ich es nicht wert bin – was meine Umwelt ausbaden muss – wenn ich mich stattdessen auch lieben könnte?
Allerdings: mit guten Vorsätzen allein klappt das nicht. Noch so viele Kalendersprüche und Kaffeetassen mit Gute-Laune-Bildchen allein werden mir nicht helfen, mit mir selbst liebevoller umzugehen, wenn die seelischen Grundlagen dazu eingeschränkt sind oder gar fehlen. Nichts gegen Kalendersprüche. Sie taugen gut zur Unterstützung. Für den Übungsweg. Und für später, um dranzubleiben. Aber sie können keinen Reifungsweg beschleunigen.

Ein Übungsweg in zehn Schritten

Wie also anfangen? Ich empfehle, einen Umweg zu machen. Fangen Sie bei Jesus an. Erinnern sie sich an das Gebot: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst! (Lukas 10,27) Das ist, wie Jesus dazu sagt, das wichtigste aller Gebote. Und da geht’s schon los mit den Problemen. Den Nächsten lieben, das klappt bei den meisten ziemlich gut. Aber wie halten Sie es mit „und deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst“? Das ist für viele ein Riesenproblem.
Wie lernen Sie also, sich selbst zu lieben? Wie werden Sie selbst ihre beste Freundin, ihr bester Freund?
Alles beginnt mit einer Entscheidung. Entscheiden Sie sich dazu, genau das werden zu wollen. Das ist wichtig, um dranzubleiben. Denn diese Entscheidung wird Folgen haben. Es könnte sich manches in Ihrem Leben ändern. Und besser werden.
Schreiben Sie also zu Beginn Ihre Entscheidung auf: „Ja, ich will mir selbst Freund/Freundin werden.“ So oder ähnlich, schreiben Sie es in ihren Worten. Hängen Sie sich diesen Satz an die Wand, an den Spiegel, legen Sie ihn in Ihren Geldbeutel oder auf den Nachttisch, wo immer Sie ihn öfter sehen. Der erste Schritt zu einem neuen Selbstgefühl ist getan: Ab jetzt soll es mir mit mir selbst bessergehen. Weil ich das will!

Die folgenden zehn Schritte können weiterhelfen. Sie sind nicht dazu gedacht, in einem Rutsch durchgegangen und „erledigt“ zu werden. Es sind Übungen und Anregungen zur Beschäftigung mit sich selbst, um sich selbst besser kennenzulernen und der Selbstabwertung auf die Spur zu kommen – und um einen neuen Blick auf sich selbst einzuüben. Nehmen Sie sich Zeit, die Impulse nach und nach zu betrachten und zu durchdenken. Das geht nicht an einem Tag, sondern wird ein längeres Projekt werden.

1. Schreiben Sie in einer ruhigen Minute Ihren Namen groß auf ein schönes Blatt Papier. Mit diesem Namen wurden Sie getauft, und er gehört zu Ihnen! Schreiben Sie dazu: „Sieh her, ich habe dich eingezeichnet in meine Hände, ich habe Dich immer vor Augen.“ So können Sie es im Buch Jesaja 49,16 nachlesen. Legen Sie sich dieses Blatt so, dass Sie es für Ihre Übungszeit „immer vor Augen“ haben. Wie fühlt sich das an? Was regt sich in Ihrem Herzen, wenn Sie das lesen?

2. Fragen Sie sich in einer anderen ruhigen Minute: Wie gehe ich eigentlich mit mir selbst um? Mag ich mich leiden? Und wenn ja, was mag ich an mir? Nehmen Sie sich für diese Frage wirklich Zeit. Und schreiben Sie auf, was Ihnen dazu einfällt. Machen Sie danach eine kleine Pause. Vielleicht schauen Sie mal in den Spiegel und sehen die Person an, über die Sie gerade Gutes aufgeschrieben haben. – Wie fühlt sich das an?
Vielleicht merken Sie, dass die abwertenden Stimmen aus früheren Erfahrungen alles überlagern, Sie sehr blockieren oder gar lähmen. Dann sollten Sie diese Fragen nicht alleine betrachten. Seien Sie dann mutig und suchen Sie sich Unterstützung: eine Geistliche Begleitung, ein Seelsorgegespräch, vielleicht ist auch therapeutische Hilfe angeraten. Es ist nicht peinlich, sich Hilfe zu suchen. Es ist peinlich, sich nicht helfen zu lassen,
wo Hilfe möglich wäre!

3. Eigenlob stinkt nicht!! Verbannen Sie den Satz, dass Eigenlob stinkt, aus Ihrem Denken und ihrem Sprechen! Lassen Sie auch nicht mehr zu, dass andere diesen dummen Satz sagen. Er ist fast immer falsch!
Es ist völlig in Ordnung, wenn Sie auf das stolz sind, was Sie gut können – und wenn Sie das auch ab und zu sagen. Und es ist auch völlig in Ordnung, wenn Sie sich auch mal selbst loben: Das ist mir jetzt wirklich gut gelungen! Tun Sie das auch immer wieder.
Eigenlob stinkt – nur bei sehr narzisstischen Menschen, die nur sich sehen und sich selbst für die allergrößte Gestalt halten, die die Welt je gesehen hat. Aber das sind doch nicht Sie!

4. Erinnern Sie sich an das, was andere an Ihnen gut finden. Was mögen Ihre Freund*innen an Ihnen? Was schätzen Kolleg*innen und nahestehende Menschen an Ihnen? Fragen Sie mal ihre beste Freundin oder Ihren besten Freund danach. Bleiben Sie dabei, jetzt einmal nur die guten Eigenschaften und Talente zu sammeln und zu erinnern! Wirklich nur die guten. (Die weniger guten kennen Sie sowieso schon.) Und dann siehe Punkt 5!

5. Versuchen Sie nicht, schlauer sein zu wollen als andere! Wenn Ihnen jemand zu Ihrem neuen Pulli ein Kompliment macht, bleiben Sie stark – widerstehen Sie dem Versuch, so etwas zu sagen wie „Der war aber gar nicht teuer“ oder ähnliches. Nehmen Sie stattdessen wahr: Oh, ich habe ein Kompliment bekommen! Und was geschieht dann mit mir? Werde ich rot? Ist es mir peinlich? Versuche ich es kleinzureden? – Lernen Sie diese Gefühle kennen. Entdecken Sie den Impuls, der Sie dazu bringen will, das Kompliment abzuwehren. Aber bleiben Sie stark. Sagen Sie erst einmal nichts. Spüren Sie nur hin, was da gerade für ein kleiner Kampf in Ihnen tobt. Atmen Sie weiter. Lächeln Sie. Bedanken Sie sich für das Kompliment. Das ist alles! Und tun Sie das ab jetzt bei jedem Kom-pliment und anerkennenden Wort.
Sie werden sich übrigens wundern: Menschen, die sich über Komplimente freuen, erhalten auch öfter welche.

6. Schauen Sie immer mal wieder auf das Blatt mit Ihrem Namen. Erinnern Sie sich: Gott hat Sie in seine Hand eingezeichnet! Lassen sie diese Worte auf sich wirken und – siehe Punkt 5: Sagen Sie nicht „ja, aber …“, sondern atmen Sie weiter. Lächeln Sie. Sagen Sie Danke. Versuchen Sie nicht, klüger sein zu wollen als Gott!
Spüren Sie nach, was sich dazu in Ihnen regt.
Und – ja: nehmen Sie Gott beim Wort. Bitten Sie ihn, dass Sie das fühlen können: wie Sie in seine Hand eingezeichnet sind. Bitten Sie ihn, Sie auf Ihrem Weg zu unterstützen, sich selbst Freundin/Freund zu werden.

7. Überlegen Sie einmal: Was schätze ich an meiner besten Freundin, meinem besten Freund? Was macht unsere Freundschaft aus? Sammeln Sie alles: Freund oder Freundin freut sich über mich, hört zu, ist liebevoll zu mir, ehrlich …wie fühlt sich das an? Überlegen Sie dann: Wie ist das von mir zu ihr/zu ihm? Freue ich mich auch über die Freundschaft, höre ich zu, bin ich liebevoll zu ihm/zu ihr … Tun Sie das gerne? Was empfinden Sie?
Und dann: Wie wäre es, wenn Sie ab jetzt so mit sich selbst umgehen, wie Sie mit ihrem besten Freund, der besten Freundin umgehen?  Schauen Sie jeden Morgen in den Spiegel und begrüßen Sie sich freundlich. Hören Sie sich selbst zu. Seien Sie geduldig mit sich. Und vor allem: Entwickeln Sie Verständnis für sich selbst.   

8. Behandeln Sie nicht nur Geist und Seele freundschaftlich, sondern auch Ihren Körper! Nehmen Sie ein Bad, pflegen Sie Ihre Haut mit einer schönen Creme, hüllen Sie sich in eine weiche Decke, oder tanzen oder singen Sie, gehen Sie zur Massage oder in den Barber-Shop…Tun Sie, was auch immer Ihnen guttut und fühlen Sie, wie angenehm das ist. Behandeln Sie Ihren Körper freundlich.

9. Jesus sagt: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte …Vielmehr habe ich euch Freunde genannt …“ (Johannes 15,14.15)
Jesus ist uns Freund, wir sind seine Freundinnen und Freunde! Ohne Wenn und Aber. Ist das nicht großartig? Und was er Ihnen und allen aufträgt, ist „nur“ das Liebesgebot: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst! Bleiben Sie also dran: Hören Sie auf das, was Jesus sagt. Er ist Ihr Freund. Seine Freundschaft wird Ihnen helfen, dass auch Sie sich selbst immer mehr zur Freundin/ zum Freund werden können.
 
10. Rechnen Sie mit kleineren Rückfällen. Die werden immer mal passieren. Das ist nicht schlimm. Üben Sie weiter! Nehmen Sie sich vor, die Freundschaft mit sich selbst aufrechtzuerhalten!