10.11.2022

Ältere Menschen, die sich freiwillig engagieren

"Wir werden noch gebraucht – auch in der Kirche"

Ohne ältere Menschen, die sich freiwillig engagieren, können viele Hilfen im Alltag der Gesellschaft nicht funktionieren. Vom Einsatz an „Tafeln“ und Suppenküchen über die Arbeit in Seniorenkreisen und den Gremien von Pfarreien bis zum letzten Dienst in Krankenhaus und Hospiz. Wie fühlen sich ältere Menschen selbst, wenn sie weiterhin gebraucht werden? Wir haben nachgefragt.


Volle Kraft voraus – auch in den reiferen Tagen des Lebens.


„Engagement gehört dazu“
Adalbert Duhr (74) ist Initiator des Projekts „Leben teilen“ in der Kirchengemeinde St. Franziskus von Assisi in Nieder-Olm, Sörgenloch, Zornheim in Rheinhessen. Er hat die Gesamtverantwortung. Auf die Frage nach seiner Motivation, auch im Ruhestand kirchlich aktiv zu sein, antwortet er: „Engagement gehört für mich einfach dazu.“ Als er in Rente ging, war er gerade Vorsitzender des Pfarrgemeinderats. „In meiner Amtszeit wurde viel das Thema Armut besprochen, von Kinderarmut bis Altersarmut. Armut, das stellten wir damals in einem dazu gegründeten Arbeitskreis fest, gibt es auch in Nieder-Olm. Aus meinem Vorschlag, Bedürftigen zu helfen, ist in unserer Gemeinde dann das Projekt ,Leben teilen‘ entstanden. Dazu gehören der Brotkorb (Essen teilen), die Kleiderkammer (Kleidung teilen), die Schreibstube (Wissen teilen) und das Begegnungscafé“, erläutert der Nieder-Olmer die Initiative, bei der insgesamt 40 Menschen mitarbeiten.
Die Kleiderkammer gibt es schon seit 37 Jahren, „sie passt aber gut in das Konzept von ,Leben teilen‘“, sagt Adalbert Duhr. In der „Schreibstube“ wird Menschen vor allem bei Behördengängen geholfen. „Da ich als Rentner Zeit habe, leite ich das Projekt und bin dabei gemeinsam mit meiner Frau im Einsatz.“
Im Pfarrgemeinderat wirkte er 24 Jahre lang. Auf die Frage, ob er sich durch sein Ehrenamt gebraucht fühlt, antwortet er: „Das ist nicht die Intention für mein Engagement. Ich kann auch gut leben, ohne mich gebraucht zu fühlen. Aus meinem christlichen Verständnis heraus setze ich mich in der Kirchengemeinde ein. Ehrenamtlichen Einsatz bin ich gewohnt.“ Auch kämen bei ihm andere Aktivitäten wie Urlaub und Sport nicht zu kurz. „Ich spiele Tennis und fahre Ski.“
Zum Thema Aufhören im Ehrenamt macht er sich eher weniger Gedanken: „Das hängt von ganz verschiedenen Faktoren ab, auch von körperlichen. Natürlich ist es irgendwann auch einmal gut.“ (wei)

 

Fit in Arbeits- und Sozialrecht
„Meine Rente ist jetzt durch.“ oder: „Ich habe Bescheid bekommen vom Sozialamt, ich kriege jetzt endlich Geld.“ Alfred Rompel aus Limburg-Lindenholzhausen freut sich über solche Rückmeldungen. Denn dann war sein Engagement erfolgreich. Der mittlerweile 79-Jährige steht nach wie vor mit Rat und Tat zur Seite, wenn er helfen kann – vor allem im Arbeits- und Sozialrecht. Das ist seit Jahrzehnten das ehrenamtliche Fachgebiet des gelernten Elektrotechnikers.
Betriebsratsvorsitzender, Gewerkschafter – unter anderem Mitglied der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) und der IG Metall auf Bundesebene –, Versichertenberater/Versicherungsältester der Deutschen Rentenversicherung: Die Liste seiner Tätigkeiten ist lang. „Aktuell bin ich noch als zweiter Vorsitzender der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) Lindenholzhausen, ehrenamtlicher Richter am Sozialgericht in Wiesbaden und als ehrenamtlicher Rentenberater tätig“, erzählt der rüstige Rentner. „Drei Dinge, die ich noch machen will, bis ich nächstes Jahr 80 werde. Aber dann ist Schluss“, hat er sich vorgenommen.
Alfred Rompel berät Menschen meist in seiner Wohnung im Limburger Stadtteil Lindenholzhausen, bietet aber auch an, Ratsuchende zu besuchen. „Das ist meist der Fall, wenn es um Fragen der Hinterbliebenenrente geht, weil die Witwer oder Witwen die entsprechenden Unterlagen zuhause aufbewahren“, erläutert der Vater dreier erwachsener Kinder und Großvater zweier Enkel. Er besucht nach wie vor Fachseminare, nimmt Aus- und Weiterbildungsangebote der KAB und der Deutschen Rentenversicherung wahr, liest Fachzeitschriften. „Ich setze mich mit aktuellen Themen im Arbeits- und Sozialrecht auseinander, damit ich den Leuten helfen kann“, unterstreicht er. „Das hält mich fit.“
An eine Erfahrung denkt es bis heute gerne zurück: Alfred Rompel hat 20 Jahre lang drei Menschen betreut, „die mit ihren Einnahmen nicht zurechtgekommen sind. Sie waren weder kranken- noch pflegeversichert. Da habe ich mich halt gekümmert“, erzählt er. „Im Laufe der Zeit haben wir alles wieder auf die Reihe gebracht, unter anderem über die Sozialhilfe.“
Was ihn besonders freut: „In den allermeisten Fällen sagen die Menschen, denen ich helfen konnte, noch mal Dankeschön.“ (kai)

 

„Ehrenamt muss Spaß machen“
Claudia Pöhl hat ihr ehrenamtliches Engagement bei den Maltesern bereits vor ihrem Eintritt in den Ruhestand begonnen. Seit 2019 ist die frühere Mitarbeiterin beim Amtsgericht in Kassel in Pension. „Und ich habe keine Zeit“, sagt die 65-Jährige zu ihrem neuen Lebensabschnitt.
Bereits 2016 hatte sie damit begonnen, im Seniorenhaus der Caritas in Kassel zweimal im Monat Akkordeon zu spielen. Genauer gesagt, mit dem Instrument den Gesang der Heimbewohner zu unterstützen. Beim Singen der Volkslieder oder Schlager hat sie beobachtet, dass dies von den einen dankbar angenommen wurde. Andere stellten hingegen Ansprüche, etwa was die Tonlage oder die Liedauswahl betraf. „Ich bin aber kein Profi. Das hat mich geärgert.“ Aber sie fügt hinzu: „Ich kann ganz gut mit älteren Menschen umgehen.“
Nicht nur im Ehrenamt kümmert sich Claudia Pöhl um Senioren. Sie kümmert sich auch um ihre 91-jährige Mutter. Und das nimmt Zeit in Anspruch. Zeit, die an anderer Stelle dann knapp wird. „Ich hatte früher einen Sprachfehler. Ich konnte nicht Nein sagen. Das habe ich inzwischen gelernt“, betont sie. Das sei auch wichtig. Menschen, die sich freiwillig engagieren, sollten nicht überfordert werden beziehungsweise sich selbst überfordern. „Ehrenamt muss Spaß machen. Wenn es überfordert, bringt es nichts.“
Durch Corona wurde ihr Engagement im Seniorenheim abrupt unterbrochen. Seitdem beteiligt sie sich ehrenamtlich im Telefonbesuchsdienst, der von den Maltesern pandemiebedingt 2019 gestartet wurde. Bei diesem Dienst ruft sie Menschen, die dies wünschen, einmal in der Woche regelmäßig an. Durch ihre berufliche Tätigkeit sei sie bei Telefongesprächen geübt. Am Anfang waren es fünf Frauen und Männer, inzwischen sind es drei. Aber das ist für sie auch ausreichend.
Dabei baut sich verständlicherweise eine Beziehung auf. „Ich schaue sozusagen ins Leben des anderen rein“, sagt sie dazu. Auch in diesem ehrenamtlichen Dienst ist es manchmal nötig, Grenzen zu ziehen. Und das tut sie. So wurde Pöhl angesprochen, als die Kasseler Malteser für die Ukraine-Hilfe eine Telefon-Zentrale aufbauen wollten. „Das war mir zu viel“, sagt sie dazu.
Inzwischen spielt Pöhl auch wieder Akkordeon. Allerdings in einem anderen Altenheim. „Und nur alle vier bis fünf Monate“, fügt sie hinzu. (st)

 

„Gemeinde ist mir wichtig“
Wolfgang Fladung ist Ur-Künzeller. Wie andere ist der 71-Jährige in seiner Kindheit in das Gemeindeleben hineingewachsen. Als Jugendlicher und junger Erwachsener ging er dann etwas auf mehr auf Distanz zur Kirche. Aber als er dann heiratete, eine Familie gründete, die Kinder christlich erzogen wurden, gab es wieder eine Annäherung an die Kirchengemeinde.
„Es fing mit Kleinigkeiten an“, erinnert sich Fladung. 1990 kam dann die Anfrage an ihn, ob er im Verwaltungsrat mitarbeiten möchte. „Das war die erste offizielle Aktion“, so der Künzeller. Als es dann einen neuen Pfarrgemeinderat gab in der Pfarrei St. Antonius, engagierte er sich in diesem Gremium. Zwölf Jahre war er dessen Sprecher. „Eine Zeit mit großen Herausforderungen, aber zugleich aber auch sehr interessant. Man konnte der Kreativität freien Lauf lassen, das Leben in der Gemeinde aktiv mitgestalten“, so Fladung. Auch in seinem Beruf als Informatiker habe es immer wieder Herausforderungen gegeben. Da gebe es durchaus Parallelen.
Inzwischen ist die Aufgabe des PGR-Sprechers von Fladung in die Hände eines Jüngeren übergegangen. Er selbst engagiert sich im Katholikenrat des Bistums Fulda, in den er für den Pastoralverbund gewählt wurde. Die Arbeit in dem diözesanen Gremium findet er verglichen mit dem Pfarrgemeinderat „schwerfälliger“. Aber zum einen sei das Gremium größer, zum anderen sei der Bereich eines Bistums etwas anderes als der einer Pfarrei. Beim Katholikenrat schätzt Fladung die Vielfalt, sowohl, was die Altersstruktur betrifft, als auch bezogen auf die berufliche Prägung der Mitglieder.
In der Kirchengemeinde kümmert sich der Rentner um den Küsterdienst. Und er übernimmt den Dienst des Kommunionhelfers. „Ich fühle mich in der Pfarrei wohl“, sagt Fladung zur Motivation für seine Mitarbeit. Es gebe eine große Bindung zu anderen Gemeindemitgliedern. „Die Gemeinde ist mir wichtig. Da mache ich gern mit und lege nicht die Hände in den Schoß“, betont er. (st)

 

„Freundliche Kontakte finden“
Helma Schulze-Südhoff engagiert sich in der katholischen Kirchengemeinde St. Ludwig in Darmstadt bei der „offenen Kirche“, auch „Initiative Innenstadtkirche St. Ludwig“ genannt. Sie ist eine der circa 60 Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner, die in der Kirche Führungen anbieten und Besuchern zum Gespräch zur Verfügung stehen.
Helma Schulze-Südhoff stammt nicht aus der Region. Nach dem Tod ihres Mannes, „nach der umfangreichen Familienphase und der langen Pflege meines lieben Mannes“, wie die 84-Jährige es ausdrückt, zog sie von Coesfeld in Westfalen
nach Darmstadt. „Ich nahm an vielen kulturellen Veranstaltungen teil, machte Wanderungen in die naturnahe Umgebung. Dabei und in unserer Gemeinde fand ich freundliche Kontakte. Das ist in jeder Lebensphase wichtig, besonders im Alter, um Erfahrenes weiterzugeben oder nicht einsam zu werden“, erzählt sie von ihren Unternehmungen und von ihrer Motivation für diese Aktivitäten.
Kleine Ausflüge, Konzerte, Besichtigungen, Vernissagen, Theater, Gottesdienste und auch ihre eigene kirchliche Mitarbeit sind für sie wertvoll:
„So kommen wir miteinander ins Gespräch, gewinnen Vertrauen, staunen, erzählen von unseren Ängsten und Hoffnungen, auch auf ein Leben in Gottes Vollendung (nach unserem Tod). So knüpfen wir an unserem Netz – ,Shalom ein Friedensnetz‘“, sagt sie und verweist auch auf die gemeinsamen Ausflüge der Ansprechpartner der „offenen Kirche“.
Sie weiß, dass es im Leben Zeiten der Krankheit oder Schwäche gibt. „Trotzdem haben wir wertvolle Erinnerungen und können sie mit Freunden teilen. Wichtig ist auch, dass wir den Mut haben, andere in diesen Zeiten um Hilfe zu bitten.“ (wei)