15.08.2019

Sommerserie 2019 – Teil 6

Wo Hildegard auf der Baustelle lebte

Steil geht’s hinauf, weit ist der Blick. Hier sind Ruinen zu entdecken und Ruhe. Der Disibodenberg bei Bad Sobernheim ist der Ort, an dem die heilige Hildegard fast 40 Jahre ihres Lebens verbracht hat. Über Kraft und Schönheit eines heiligen Bergs: der sechste und letzte Teil unserer Sommerserie. Von Ruth Lehnen.

Die Kelten beteten hier, die Römer bauten einen Jupitertempel, der heilige Bonifatius kam zu Besuch, die Kirchenlehrerin Hildegard reifte hier vom schüchternen Mädchen zur durchsetzungsstarken Frau. Schamanen aus Peru waren auch schon da. Und jetzt ich, auf Steinen sitzend, um mich herum Hitze und Vögelrufe, das Rauschen der Bäume, in der Ferne ein Flugzeug. Atmend – kann ich die Kraft dieses Ortes spüren? Man muss nicht Christ sein, um sich auf dem Disi- bodenberg wohl und richtig zu fühlen, es ist ein herrlicher Ort. Die Stille ist heute fast zu greifen, ein paar Schritte durch romantische Ruinen, und es eröffnet sich der Ausblick übers Land bis weit hinaus zu den großen Windrädern auf den Hügeln jenseits von Odernheim am Glan. Wer Bäume mag, ist hier richtig: Eichen und Platanen, Kastanien und Eschen, Ahorn und sogar Mammutbäume wachsen auf dem heiligen Berg, dem Wassermangel auf den Felsen trotzend.

Für Christen, vor allem für Verehrerinnen der heiligen Hildegard (1098 bis 1179), ist dieser Berg schon fast ein Muss. Drei Frauen, nicht mehr ganz jung, fragen Gaby Wahn aus, die mir die Schönheit und Geschichte dieses Berges erschließt. „Wo war die Frauen-Klause?“ Das ist für die Hildegard-Freundinnen das A und O, denn da hat ihr Vorbild gelebt. Der Disibodenberg bietet Rätselraten. Nach neueren Forschungsergebnissen hat Hildegard gar nicht dort gelebt, wo heute noch das Schild „Frauen- klause?“ steht. Sondern an zwei Orten war die Heilige auf dem Berg zuhause: bei der ältesten Kirchenruine auf dem heiligen Berg, die heute als „Friedhofskapelle“ ausgewiesen wird, und dann später, zusammen mit ihren Gefährtinnen, in einem gotischen Wohnturm, gleich links von der südlichen Klosterpforte.

Besonders entzündet sich die Phantasie der drei Touristinnen an dem Wort „eingeschlossen“. Denn Hildegard war, wie ihre Lehrerin Jutta von Sponheim, eine Inklusin. Die Frauen lebten also ganz abgeschieden von der Welt, vielleicht nicht direkt „eingemauert“, aber streng im eigenen Bezirk. Durch ein Fenster hindurch nahmen sie am Gottesdienst teil, durch ein anderes kommunizierten sie mit der Außenwelt.

„Was haben die denn den ganzen Tag gemacht?“ Sie haben vor allem gebetet, achtmal am Tag, und gewebt, genäht, gestickt. Gekocht haben sie nicht, sondern wurden von der Küche des größeren Männerklosters versorgt. „Das kann ich mir gar nicht vorstellen!“ Unvorstellbar das alles heute, rund 900 Jahre später. Pläne und kundige Führerinnen wie Gaby Wahn helfen einem bei der Annäherung an die Ruinen und längst vergangene Zeiten.

Illusionen von idyllischer Stille zu mittelalterlicher Zeit macht Gaby Wahn zunichte: „Hildegard hat zeit ihres Lebens auf einer Baustelle gelebt!“ Denn die größte Kirche auf dem Disibodenberg, deren Grundrisse heute noch sehr gut zu erkennen sind, wurde 1108 begonnen, die Weihe war im Jahr 1143. Die Abteikirche war eine riesige dreischiffige Pfeilerbasilika, und das für wahrscheinlich nicht mehr als 20 Mönche... Ein Aufwand ohne Ende wurde da betrieben, überall stießen die Bauarbeiter gleich auf Fels und mussten sich in den Stein hineinarbeiten. Der Erzbischof Ruthard von Mainz, zu dessen Herrschaftsgebiet der Disibodenberg gehörte (heute Bistum Speyer), wollte seine Macht demonstrieren gegenüber dem benachbarten Bistum Trier.

Sinnbild für die Dreieinigkeit: Diese dreistämmige Eiche ist kein Zufall

Gaby Wahn führt Besucher über den Disibodenberg:„Es macht Spaß, mit Leuten da hochzugehen. Sie sind oft so begeistert.“ Foto: Ruth Lehnen
Gaby Wahn führt Besucher über den Disibodenberg:„Es macht Spaß, mit
Leuten da hochzugehen. Sie sind oft so begeistert.“ Foto: Ruth Lehnen

Die Ruinen der zentralen Abteikirche faszinieren Besucher des Disibodenbergs durch die schiere Größe, aber auch durch eine dreistämmige Eiche, die an zentraler Stelle wächst. Es ist kein Zufall, hier auf sie zu treffen, sondern ein bewusst gesetztes Zeichen aus dem 19. Jahrhundert. Da erbte der Kaufmann Peter Wannemann die Ruine und ließ sie vom Gartenbaudirektor Johann Metzger, der auch den Heidelberger Schlosspark gestaltet hat, in einen romantischen Landschaftspark verwandeln. Wo heute vereinzelte Besucher in Sport- und Funktionskleidung die 260 Meter Berg ersteigen, wandelten um 1860 Kurgäste aus Bad Kreuznach. Auch sie sahen schon die dreistämmige Eiche als Zeichen der Dreieinigkeit. Damals ein junger Baum, ist sie heute ist sie mächtig und beeindruckend.

Plötzlich ist ein zartes Singen zu hören, Frauenstimmen. Die Touristen freuen sich, ihren Augen bietet sich ein ungewohntes Bild und ihre Ohren hören ungewohnte Klänge. Es sind Schwestern aus der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen, die auf den Spuren der heiligen Kirchenlehrerin unterwegs sind und jetzt Psalmen singen. Die Gruppe rund um Äbtissin Dorothea Flandera wird von Dr. Eberhard Nikitsch begleitet, der den Disibodenberg genau kennt und die hier gefundenen Grabplatten erforscht hat.

Die Vorstellung ist erlaubt, dass sich die Heiligen, namentlich Hildegard, Bonifatius und Disibod, an diesem Besuch und Gesang erfreuen. Bonifatius, den kennen die meisten, den Apostel der Deutschen, den großen Missionar, aber Disibod? Den Namensgeber des heiligen Bergs? Über ihn wissen wir wenig, nur dass er ein irisch-schottischer Wandermönch war, der um 640 in die Gegend kam. Angeblich fand er den heiligen Ort, weil dort sein in den Boden gerammter Wanderstab grünte und eine weiße Hirschkuh eine Quelle freischarrte. Disibod wurde 700 hier auf dem Berg beerdigt, und der heilige Bonifatius war 745 dabei, als seine Gebeine umgebettet wurden. Die heilige Hildegard hat um 1170 eine Lebensbeschreibung des Disibod verfasst.

Die beeindruckendsten Ruinen stammen von den Zisterziensern

Die beeindruckendsten Ruinen auf dem Berg, das Abteigebäude und das große Gebäude für Laienbrüder und Gäste, Hospiz genannt, stammen von den Zis-terziensern, die hier, für sie ungewöhnlich, nicht im Tal und am Wasser, sondern auf dem Berg erfolgreich waren. Bis zur Reformation. Da wurden der letzte Abt und der letzte Mönch evangelisch, der eine wurde Pfarrer, der andere Lehrer, beide heirateten, und der geschichtsträchtige Berg wurde verlassen und verkam zum Steinbruch. Doch jetzt kommen jedes Jahr wieder mehr Menschen in den „ein bisschen vergessenen Landstrich“, wie Gaby Wahn die Gegend nennt. Der Tourismus ist im Aufbau. Und Ruinen und Ruhe, Heiliges und Herrliches ziehen die Menschen an.