08.10.2020

Wo sind die Kirchen?

Wo sind die Kirchen in der Corona-Pandemie? Nicht nah genug an Kranken und Sterbenden, so klagten in den vergangenen Wochen manche. Die Kirchenzeitung hat Seelsorgerinnen und Seelsorger aus den Bistümern Fulda, Limburg und Mainz gefragt, wie sie es mit Haus- und Krankenbesuchen halten. Und was sie dort erleben.

„Lange Telefonate“

„Ich hab es zum Glück nie erlebt, dass jemand nachweislich Corona hatte. Deswegen konnte ich die Sterbenden einfach zu Hause besuchen. Wir haben gebetet und die Krankensalbung gemacht. Alles, wie es normal ist. Auch bei Sterbefällen in der Palliativabteilung des Klinikums war alles möglich und auch wichtig. 

Was mit Sicherheit weh tut ist, dass es seit März die Krankenkommunion nicht mehr generell gibt, außer auf besonderen Wunsch. Da fühlten sich bestimmt auch einige Menschen verlassen. Andererseits muss man ja schon aufpassen, dass man Risikopersonen nicht gesundheitlich gefährdet. 

Alle Kranken in der Gemeinde bekommen monatlich vom Besuchsdienst einen Gruß mit Meditationstexten. Da steht auch: ,Wenn Sie die Krankenkommunion möchten, können Sie gerne im Pfarrbüro anrufen.‘ Ich habe das ebenso im Pfarrbrief geschrieben. Die das haben möchten, schätzen das. 

Ich rufe nun die Menschen an und frage, wie es ihnen geht. Bei jedem Geburtstag ist das so. Mit 80, 85, 90. Wird ein Besuch gewünscht oder sind die Leute vorsichtig oder gar krank? Ich konnte bereits viele längere schöne Gespräche am Telefon führen. Das ist oft sogar besser, als wenn man bei einer großen Feier weit weg vom Jubilar sitzt. Andererseits haben die Leute schon gerne, wenn mal jemand kommt. 

Ich denke, das Schlimmste war im Altenheim. Bewohner, zu denen ich jahrelang mit der Krankenkommunion kam, konnte ich nicht anrufen, weil sie von der Ausdrucksweise her nicht mehr dazu fähig sind. 

Man kann nicht pauschal sagen, Kirche hat die Menschen allein gelassen. Die Gotteshäuser waren offen, die Leute kamen vorbei. Man hat drinnen oder draußen miteinander gesprochen. Die Kirchen waren doch praktisch der einzige Ort, wo noch was los war seit April. Es war auch wohltuend, den Menschen einfach auf der Straße zu begegnen, auf dem Radweg oder beim Spazierengehen. “ 

Michael Oswald ist Pfarrer von St. Johannes der Täufer in Fulda-Johannesberg. 

Protokolliert von Evelyn Schwab

 

„Zaungespräch möglich“

„In der Zeit des Lockdowns war es mir besonders wichtig, mit unseren neun Kindertagesstätten in einem guten Kontakt zu bleiben. Dort, wo es möglich war, habe ich einige Kitas im Pfarreienverbund besucht. Die Treffen waren je nach Hygiene-Konzept in der Kita oder als ,Zaungespräch‘ jeweils auf Abstand möglich. Mir war es wichtig zu erfahren, wie es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in dieser Zeit geht. Gerade die Kitas mussten sich in dieser Zeit schnell den immer neuen Regelungen anpassen. Zugleich die Frage der pädagogischen Fachkräfte: Wie kann ich mich selber schützen? 

Zusammen mit dem Gemeindeassis-tenten bin ich in der Zeit vor Ostern auch zu den Familien gefahren, deren Kinder zur Erstkommunion angemeldet waren. Ihnen haben wir Päckchen mit Palmzweigen, Osterkerze und einem Osterhasen sowie Bastelmaterial und vier Hausgottesdienste für die Heilige Woche vorbeigebracht. Die Eltern haben sich total gefreut. Da es zu dem Zeitpunkt Kontaktbeschränkungen gab, standen wir im Garten oder auf der Treppe. Beim Überbringen der Päckchen entwickelten sich Gespräche, bei denen es vor allem um das Hoffen auf Normalität ging. Ihre Belastungskapazität war erschöpft. Eine Familie mit drei schulpflichtigen Kindern sagte: „Wir schaffen das bis zu den Osterferien. Wir hoffen, dass sich danach die Lage entspannt.“ Viele haben ihr Herz ausgeschüttet und erzählt, wie sie ihren Alltag unter diesen Umständen organisieren. Sie haben eine Riesenarbeit geleistet, das hat man gespürt. In der Seelsorge für die älteren Menschen sind Telefonketten entstanden. Das kam gut an. Gute Gespräche können auch auf Abstand entstehen, ob am Telefon oder bei einem Besuch.“ 

Uta Kuttner ist Gemeindereferentin im Pfarreienverbund Gießen. 

Protokolliert von Anja Weiffen

 

„Gehen Sie ruhig rein“

Pfarrer Bierschenk„Zu den Patienten, die einen Besuch von uns wünschten, konnten wir immer gehen – natürlich unter den vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen. Das ging auch am Anfang des Corona-Lockdowns, als zum Beispiel Familienmitglieder nicht mehr ihre Angehörigen besuchen konnten. Das war schlimm. Einmal haben mir Angehörige Videos mit Wünschen, die sie aufgenommen hatten, auf mein Handy geschickt. Ich ging zu dem Patienten und wir schauten die Videos der Angehörigen an. 

Wir haben hier in der Region Fulda ein ausgeprägtes Pfarreibesuchssys-tem. Die ehrenamtlichen Helfer wie auch unser ökumenischer Besuchsdienst hier im Klinikum kamen nicht mehr auf die Stationen. Ebenso die Kommunionhelfer. Allerdings habe ich weiterhin in der Kapelle des Klinikums Gottesdienste gefeiert. Teilweise waren wir nur zu zweit – der Küster und ich. Aber wichtig war ja vor allem, dass die Gottesdienste in die Krankenzimmer übertragen wurden. Die Krankenkommunion hat dann unser Team der Klinikseelsorge an zwei Tagen in der Woche übernommen. 

Als es mit der Corona-Pandemie losging, war ich selbst unsicher, ob und wie ich Patienten mit dem Covid-19 Virus die Krankensalbung spenden kann. Aber da hat mir zum Beispiel eine Krankenschwester geholfen. Sie sagte mir: ,Herr Pfarrer, gehen Sie ruhig rein. Das passt schon. Ich habe drei Kinder und gehe auch rein.‘ Die Atmosphäre habe ich in den vergangenen Monaten nie als negativ empfunden, manchmal eher positiv. Zum Beispiel die Wertschätzung für die Arbeit des Pflegepersonals. So hat etwa ein Unternehmen Eis für alle Mitarbeiter ausgegeben. Leider können unsere Ehrenamtlichen ihren Dienst im Klinikum noch nicht wieder übernehmen.“ 

Pfarrer Peter Bierschenk ist Seelsorger am Klinikum Fulda. 

Protokolliert von Hans-Joachim Stoehr

 

„Ältere schon alleingelassen“

„Während des Lockdowns wurde natürlich auch in unserer Pfarrei vieles heruntergefahren. Wir konnten keine Gottesdienste mehr in den Altenheimen feiern, Besuche waren nicht möglich. Gerade ältere Menschen wurden da, finde ich, schon etwas alleingelassen von der Kirche. Ich habe deswegen versucht, telefonisch den Kontakt zu halten. 

In Grävenwiesbach, meiner ,Stammgemeinde‘, haben wir eine Kerzenaktion – ,Wir denken an dich‘ – ins Leben gerufen und diese Kerzen zu den Gläubigen nach Hause gebracht. Mit dem Hinweis auf Kontaktmöglichkeiten und dem Angebot, mich anzurufen. Wir sind zu den Erstkommunionkindern gegangen, zu den Katechetinnen, zu den Älteren – und machen das auch weiterhin. 

Zwei Altenheime haben uns jetzt wieder angefragt: ,Wir brauchen hier dringend euren Besuch.‘ Bei aller gebotenen Vorsicht bieten wir dort nun wieder Gottesdienste an. 

Wir haben einen Youtube-Kanal und eine Facebook-Seite eingerichtet (Suchbegriff: St. Konrad Grävenwiesbach), der erste Kurz-Beitrag war am Palmsonntag die Segnung der Palmzweige, bis heute werden regelmäßig die Sonntagsgottesdienste eingestellt. 

Zurzeit machen wir ,Boat-Movies‘ (Filme) auf meinem Boot auf der Lahn. Zuletzt war ich zum Beispiel mit indischen Patres von Dehrn aus unterwegs zum Kloster Arnstein, und das gucken sich auch die älteren Leute gern an. 

Hausbesuche habe ich auch vor Corona nur auf Anfrage gemacht, abgesehen von anlassbezogenen Gesprächen wie Trauergesprächen oder Hauskommunionen. Dabei beachte ich jetzt natürlich die vorgeschriebenen Hygiene- und Abstandsvorschriften. 

Einen Besuch bei einem älteren Ehepaar habe ich besonders in Erinnerung: Wir waren im Garten, die Beiden saßen in ihren Rollstühlen auf der Terrasse. Ich war beeindruckt von der Zufriedenheit, die sie ausstrahlten. Sie sagten mir: ,Wir sind dankbar, eigentlich ist alles gut, uns geht’s gut, wir sind zusammen.‘ Sie hätten ja auch jammern können, aber das war überhaupt nicht der Fall. Sie nehmen die 

Herausforderung Corona sportlich.“ 

Joachim Pauli, Diakon im Hauptberuf, Pfarrei St. Franziskus und Klara – Usinger Land 

Protokolliert von Heike Kaiser

 

„Zuhören kann ich mit Maske“

„Freitagmorgen – Ich schaue in den Kofferraum: Adresse, Maske, Desinfektionsmittel, alles da. Das Allerheiligste ist fest eingepackt. Ich bin auf dem Weg zu zwei Hauskommunionen. 

Nicole Bormann

Bevor ich klingle, ziehe ich meine Maske auf und desinfiziere mir die Hände. Nachdem mir freudig die Tür geöffnet wurde, werde ich zum Esstisch geleitet, der wundervoll geschmückt ist. Wir lernen uns kennen und sprechen über die vergangene Zeit. Die Frau muss aufgrund der Pandemie auf einiges verzichten, wie den Besuch ihrer Freundinnen. Trotzdem ist sie dankbar, weil es ihr mit fast 100 Jahren gut geht. So feiern wir gemeinsam Gottesdienst. Nach fast einer Stunde verabschiede ich mich und fahre mit einem guten Gefühl zur nächsten Krankenkommunion. 

Hier ist alles ganz anders. Die Ehefrau öffnet mir die Tür und „warnt“ mich vor. Im Schlafzimmer stehe ich vor einem schwerkranken Mann, der versucht, sich mit all seiner Kraft aufzurichten. Ohne Erfolg. Mit Bedauern in seinem Blick bittet er mich, schnell zu machen. Ich sehe ihm an, dass ihm diese Bitte unangenehm ist. Wir beten zusammen, ich reiche ihm die Kommunion und spreche noch einen Segen. Er wirkt dankbar. 

Hauskommunion in Zeiten der Pandemie: Ja, ich muss Maske tragen und mir die Hände desinfizieren. Das ist anders. Aber es schränkt mich nicht in meiner Arbeit ein. Ich muss zuhören und da sein und das kann ich auch mit Maske und Desinfektionsmittel.“ 

Nicole Bormann ist Pastoralreferentin der Pfarrei St. Blasius im Westerwald 

Protokolliert von Barbara Faustmann