22.03.2022

Das "Ethik-Eck": Kirchengebote

Woran muss ich mich als Katholik denn noch halten?

Die Frage lautet diesmal: „In Zeiten der Corona-Pandemie ist das ,Sonntagsgebot‘ ausgesetzt worden.  Die ,Osterbeichte‘ kennt keiner mehr. Und vom Fleischverzicht an Freitagen ist auch schon lange keine Rede. Woran muss ich mich als Katholik(in)  denn noch halten? Gibt es lehramtliche Gebote, oder bin ich nur Gott und meinem Gewissen verpflichtet?“


Regeln nutzen
Ein Handball-Spiel in meinem Heimatverein ohne Regeln – kann ich mir nicht vorstellen. „Das Runde muss ins Eckige“ besagt ein traditioneller Handball-Spruch. Was man noch wissen muss: Es gibt einen Ball, einen Spielbereich, zwei Mannschaften à sechs Feldspieler und Torwart, gelbe und rote Karten … Es dauert eine Weile, bis Kinder lernen, was mit dem Ball gemacht werden muss. Wer aber schon mal eine Weltmeisterschaft oder ein Bundesliga-Spiel angeschaut hat, der kann staunen vor der Finesse, mit der die Mannschaften dort die Spielregeln möglichst gut nutzen, um zu gewinnen.
Regeln geben Orientierung und Sicherheit. Wenn ich die Verkehrs-Regel „bei Rot stehen bleiben“ nicht kennen würde, kann das recht schnell gefährlich für mich werden. Sie sind Handlungsanweisungen, mit denen ich mit gewisser Wahrscheinlichkeit vorhersehen kann, was in einem bestimmten Kontext wichtig und erlaubt ist. Eine Regel kann auch eine entlastende Wirkung für mich haben, weil ich nicht immer neu einschätzen und entscheiden muss, sondern mich an die Regel halten kann. Per se schlecht sind Regeln also ganz und gar nicht.  
Ja, es gibt auch Regeln im Katholizismus. Ganz zentral stehen dabei die Zehn Gebote und das Doppelgebot der Selbst- und Nächstenliebe. In der Tradition der Kirche sind viele Ausgestaltungen dieser grundlegenden Regeln gewachsen – wie auch das Sonntagsgebot, die Osterbeichte oder der Verzicht auf Fleisch am Freitag. Jesus persönlich fügt im Markus-evangelium hinzu: „Der Sabbat ist für den Menschen da“, als seine Jünger eine Regel brechen, weil sie Hunger haben. Prinzipiell kann man sagen: Alles, was dem Menschen schadet, ist verboten. Zugrunde liegt die „unverfügbare Würde des Menschen“ als zutiefst christliches Prinzip, das auch die Grundlage unserer Verfassung bildet.  
Eine Gefahr bleibt: „Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht“, sagte Albert Schweitzer. Ich lerne aus diesem anschaulichen Bild, dass es immer mein Herz ist, das innerlich bei all den Regeln mitkommen muss. Äußere Formen können helfen, aber auch verdrängen. Ich möchte die Regeln des Glaubens – wie die Handballer im Spiel – für mein Ziel nutzen: Mit Gott in einer lebendigen Beziehung zu bleiben.

Bernadette Wahl hat Theologie und Religionspädagogik studiert, ist systemische Beraterin und arbeitet für das Bistum Fulda in der Citypastoral.

 

Lebendig dabei
Ja, stimmt – die kirchlichen Gebote zu Fasten und Kirchenjahr haben kaum mehr Bedeutung im Alltag. Und die Frage, was noch verbindlich ist und wer das entscheidet, liegt nahe. Oft hat das aber leider einen pessimistischen Unterton – keiner hält sich noch an irgendwas …
Auf den zweiten Blick stimmt das gar nicht so ohne weiteres.
Es ist wirklich interessant, dass Phänomene wie Fasten – sich einschränken – besondere Zeiten einhalten, alltägliche Gewohnheiten verändern – gesellschaftlich gerade sehr relevant sind. Es ist so, als ob das, was zur einen Tür hinausgeht, durch eine ganz andere unerwartet wieder herein kommt, wenn auch in anderem Gewand. Was sich allmählich verflüchtigt hat, sickert auf anderen Wegen wieder ein.
Die Ziele und Begründungen scheinen andere. Aus dem „Freitags kein Fleisch“ wird der Aufruf, vegetarisch zu leben, das Tierwohl zu fördern, die Ernährung umzustellen.
Aus der Fastenzeit wird der Dry January, die Aufforderung, einen Monat lang im Januar keinen Alkohol zu trinken.
Die Zeit vor Ostern wird gefüllt mit handfesten Vorschlägen: plastikfrei leben, weniger Abfall, autofreie Wochen.
Was ich noch interessanter finde: Diese Ideen begannen mit dem persönlichen Gewinn, eine Fastenwoche für die eigene Gesundheit, Auszeiten fürs persönliche Besserfühlen.
Das hat sich geändert. Der Blick ist viel weiter geworden. Etwas anders machen aus Solidarität, weil es so nicht weitergehen kann mit der Erderhitzung und der Tierhaltung, für den Klimaschutz, weil wir anders zusammen leben wollen. Diese Ideen wirken und sind dabei, vieles zu verändern. Auch geht es nicht mehr nur ums Wohlbefinden. Ein großer moralischer Ernst ist zu spüren.
Da sind wir doch bei den Wurzeln der alten Kirchengebote: Stopp sagen, innehalten, über sich selbst hinausschauen, Verantwortung erkennen, sich wieder verorten, teilen und spenden. Und: sich mit größeren Zielen und Bezügen verbinden.
Man könnte sagen: Aber es nicht mehr die Kirche, die das organisiert, und der Bezug ist nicht unbedingt der Glaube.Stimmt: Auch das ist anders, es sind viele Gruppen und Einzelne, die etwas anregen und organisieren. Die Kirche hat ihre Stimme, eine Stimme unter anderen. Kirche hat nicht mehr die Deutungshoheit über Werte, sie ist dabei, verbindet, bietet an, teilt und wird lebendig.
Noch schöner: Sie kann sich mit anderen verbünden. Vielfach geschieht das ja auch. Die lokale Klimainitiative und die Pfarreigruppe zusammen in einem Projekt, die Solidaritätsaktion im Stadtteil, die Hilfswerke mit politischen Forderungen. Christen sind nahe bei ihren Traditionen und lebendig dabei.

Ruth Bornhofen-Wentzel war Leiterin der Ehe- und Sexualberatung im Haus der Volksarbeit in Frankfurt.

 

Freiräume zumuten
Auf die Frage, woran sich ein Mitglied der Katholischen Kirche zu halten hat, antworten bis heute die sogenannten Kirchengebote. Deren klassische Fünfzahl (Sonntagsgebot, jährliche Beichte, Osterkommunion, gebotene Feier- und Fasttage) bildet sich im Spätmittelalter heraus und hat in den Katechismus Eingang gefunden. Erlassen werden diese Gebote von der kirchlichen Hierarchie mit dem Ziel, „den Gläubigen das unerlässliche Minimum an Gebetsgeist und an sittlichem Streben, im Wachstum der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu sichern“ (Nr. 2041).
Das bedeutet, die Kirchengebote sind kein Selbstzweck, sondern stehen im Dienst der religiös verstandenen Pflicht, das geistliche Wohl der Kirche und des Individuums zu fördern. Sie wollen in ihrer Konkretheit dem katholischen Leben ein klares religiöses Gepräge geben und dadurch Identität stiften und Sicherheit vermitteln.
Sie sind von sittlichen Geboten zu unterscheiden, deren Adressatenkreis sich nicht auf die Kirchenmitglieder beschränkt.
In der Vergangenheit waren die Kirchengebote für das katholische Gemeinschaftserleben von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Seit Jahrzehnten aber schwindet ihre Selbstverständlichkeit. Das hat damit zu tun, dass der strikte Gehorsam gegenüber den Kirchengeboten vielen als ein-seitige Form eines frommen, guten katholischen Lebens erscheint. Genügt die Einhaltung der Kirchengebote, so wird kritisch gefragt, um dem kirchlichen und dem individuellen Wohl gerecht zu werden?
Zwischen dem Sinn und dem Inhalt der Gebote besteht ein Unterschied. Der Sinn überdauert die Zeiten, die Inhalte können sich historisch wandeln. Für das Wohl der kirchlichen Gemeinschaft könnten heute andere Gebote notwendig sein als diejenigen der Vergangenheit.
So legen die Erfahrungen des Versagens der Kirche im Zusammenhang mit dem Phänomen des sexuellen Missbrauchs etwa eine Art kirchliches Gebot zur kirchlichen Selbstkritik nahe.
Und anders als früher lassen sich Kirchengebote nicht mehr über die Köpfe der Gläubigen hinweg von oben einfach auferlegen. Sie müssen nachvollziehbar begründet sein.
Dem religiösen Leben des Individuums werden dabei in der Regel größere Freiräume eingeräumt und zugemutet. Welche Art von religiöser (oder: spiritueller) Praxis dem „Wachstum der Liebe zu Gott und zum Nächsten“ dient, kann kaum für alle Mitglieder der Kirche verbindlich definiert werden.

Stephan Goertz, Professor für Moraltheologie an der Universität Mainz