02.07.2019

"Wort des Bischofs" von Bischof Peter Kohlgraf aus dem Bistum Mainz

Was Leben lebenswert macht

Urlaubszeit – nicht nur Zeit für Erholung, um danach wieder in dieselben Mühlen einzusteigen. Bischof Peter Kohlgraf weist in seinem „Wort des Bischofs“ auf eine größere Chance hin, die in diesen Ferienwochen liegt.

Ein Buch liegt auf Sand. Foto: Adobe Stock / Marc Nicke
„Nehmen Sie sich Zeit für Gott und sein Wort“, lädt Bischof Peter Kohlgraf gerade für die Ferienzeit ein.
Foto: Marc Nicke / Adobe Stock

Ein Zeitphänomen unserer modernen Welt ist die Geschwindigkeit des Lebens. Zwei „Machtworte des Zeitgeistes“ (So der Titel eines Buches von Klaus Hofmeister und Lothar Bauerochse) sind „Erfolg“ und „Geschwindigkeit“.

Es fängt in der Schule an, in einigen Bundesländern hat man die Schulzeit am Gymnasium wieder um ein Jahr verlängert, weil es zwar starke Schüler gab, denen die Verkürzung auf eine achtjährige Gymnasialzeit nichts ausmachte, andere waren an der Grenze des Leistbaren. Es ist nicht leicht, vor anderen zuzugeben: „Ich komme nicht mehr mit, das Tempo macht mich krank.“ Schnell kommt bei jungen Menschen die Sorge auf, dass sie dann für den Arbeitsmarkt nicht taugen.

Bischof Peter Kohlgraf Foto: Bistum Mainz
Foto: Bistum Mainz

Als Professor konnte ich Ähnliches auch bei den Studierenden wahrnehmen. Das Tempo und der Prüfungsdruck setzen viele über Gebühr unter Druck. Und ich ertappte mich manches Mal dabei, dass mir auch der Gedanke kam: Wie geeignet sind diese jungen Menschen dann für den „Arbeitsmarkt“ oder sogar für einen Seelsorgeberuf? Auch Seelsorgerinnen und Seelsorger stehen zunehmend unter Leistungsdruck. Menschen werden einem Tempo angepasst, nicht das Tempo dem Menschen. In vielen Berufen ist dies der Alltag. Folge ist, dass wahrscheinlich heute mehr Menschen psychisch krank sind als jemals zuvor. Öffentlich einzugestehen, man könne so nicht weitermachen, wird als unendlich peinlich und damit als unmöglich angesehen. Wir haben Angst, als Schwächlinge dazustehen, und wir rechnen damit, dass andere über uns urteilen. Die Wochen des Urlaubs können geschenkte Zeit werden, in der wir Druck, Tempo und das Leistungsdenken herausnehmen. Es kann eine Zeit sein, in der wir den anderen Menschen neu als Bereicherung entdecken. Auch für Gott ist vielleicht mehr oder qualitativ andere Zeit zur Verfügung. Ich sehe den Sinn der Ferienzeit nicht nur in der Erholung an Leib und Geist, um danach in dieselben Mühlen einsteigen zu können, sondern auch als Chance, zu erfahren, was das Leben lebenswert macht. Es braucht auch außerhalb der Ferienzeit immer wieder das Nachdenken über die Frage, wie wir menschenwürdig leben wollen. Die Antwort darauf kann meines Erachtens nicht die weitere Beschleunigung allein sein. Es kann auch nicht sein, dass am Ende nur der Starke und leistungsfähige Mensch als wertvoll erlebt wird.

Konkret diskutieren wir angesichts der Digitalisierung über die ständige Erreichbarkeit von Menschen, so dass auch die Zeit für die Familie und die persönliche Erholung verloren geht. Das sind keine unproblematischen Entwicklungen. Jede Woche feiern wir am Sonntag, dass das Leben ein kostbares Geschenk vor jeder Leistung ist, dass wir Menschen vor dem Schöpfer unendlich wertvoll sind und er uns zum ewigen Leben ruft. So ist jeder Sonntag eine Chance zur Erholung und zur Orientierung auf das wirklich Notwendige.

Ich wünsche allen eine gute Ferienzeit, und auch denen, die zu Hause bleiben, gute Wochen sommerlicher Freude. Und ich lade Sie ein: Nehmen Sie sich Zeit für Gott und sein Wort.

Unterschrift von Bischof Kohlgraf

 

 

Ihr Bischof Peter Kohlgraf