18.10.2017

Zwischen Himmel und Erde

Das „Verschwommene“ erweckt den Eindruck von Transzendenz. Deshalb hat die Videoinstallation von Malte Lück gewonnen. Beim Kunstwettbewerb, den die katholische Kirche Wiesbaden zum Reformationsjahr gestartet hat.
Von Christa Kaddar.

Videoinstallation von Malte Lück. Foto: Christa Kaddar
„Vergeben geben“: Für die Videoinstallation hat Malte Lück zwei Filme
übereinander gelegt. | Foto: Christa Kaddar

Die Preisträger stehen fest: Der Kölner Künstler Malte Lück erhält den ersten Preis in der Kategorie Bildende Kunst, der Förderpreis geht an Anne Kückelhaus. Arbeiten von elf weiteren Künstlern sind bis 11. November in Wiesbadener Kirchen zu sehen. Auf den von der Katholischen Erwachsenenbildung Wiesbaden bundesweit ausgeschriebenen Wettbewerb unter dem Motto „Positionierung zur Transzendenz“ waren 220 Zusendungen eingegangen.

„Auffällig ist auf das große Spektrum der ausgewählten Werke“, betont Dr. Simone Husemann, Kunsthistorikern und Leiterin der Katholischen Erwachsenenbildung. „Die ausgestellten malerischen Arbeiten reichen von gegenständlichen Schilderungen bis hin zu abstrakten Farbwelten, die die Idee von Transzendenz spürbar werden lassen.“

Ein Körper, der zu schweben scheint

Das trifft auf die mit dem ersten Preis ausgezeichnete Videoinstallation in besonderem Maße zu, denn gerade das „Verschwommene“ des Bildes erweckt einen Eindruck von Transzendenz. Das Kamerabild zeigt einen barfüßigen, weiß gekleideten Körper, der mit ausgebreiteten Armen über einer steinernen Altarplatte zu schweben scheint. Es ist der Künstler selbst, der sich auf dem Altarstein der Fürbitt-Kapelle der Erpho-Kirche in Münster gefilmt und für die Installation zwei Filme übereinander gelegt hat.

Malte Lück erläutert sein Werk: „Wenn Sie dieses Bild verstehen wollen, machen Sie es nach“, rät der Künstler. „Legen Sie sich hin und breiten Sie einmal für 20 oder 30 Minuten die Arme aus.“ Die Geste sei ein schonungsloses Öffnen und Augeliefertsein und zugleich auch die größte Körperspanne. In ihr stecke Glaube und Kraft, Fesselung und Befreiung, Vergebung und Zuwendung.

Die Videoinstallation wird bis 11. November in der Kapelle des Roncalli-Hauses zu sehen sein. Bis dahin sind auch in der Bonifatiuskirche zwei der 13 ausgewählten Werke ausgestellt. Einmal ist es ein „leuchtender Widerspruch“ im Altarraum: „You are not the only one“, steht da in Neonlicht-Buchstaben. Immer wieder erlischt das „not“, und die Botschaft lautet dann: „You are the only one“. Wer ist der Einzige oder nicht der Einzige?
Und warum drückt der Künstler seine Botschaft in Englisch aus? Sven Bergelt gibt darauf einige Antworten. Das Englische sei mehrdeutiger. You stehe für du, Sie oder ihr. „In dem sakralen Raum zwischen Altar, Kreuz, Taufbecken und der sitzenden Gemeinde positioniert, schließt der Schriftzug die Frage mit ein, ob es nur den einen, wahren Gott gibt.“ Dies könne die Frage nach religiöser Toleranz, aber auch nach Solidarität und einem nachhaltigen Leben sein. In der Botschaft stecke auch die Haltung zu Beziehung und Ehe, wenn sich ein Paar gegenseitig verspreche „the only one“ zu sein und dann doch „not the only one“ bleibe.

Vier Richtungen, drei Wörter

„Betreten erwünscht“, könnte man das zweite Kunstwerk in der Bonifatiuskirche überschreiben. Die von Carla Zockoll „Ich“ genannte Bodenfolie mit vier „Fußrichtungen“ und den im Kreis geschriebenen Wörtern „Glauben – zu – Wissen – zu“ kann in beide Richtungen gelesen werden: „Glauben zu wissen“ oder „Wissen zu glauben.“ „Hier stehe ich, trete auf die Kreisfläche wie auf ein Wappenschild, bin gleichsam geerdet und positioniere mich zur Transzendenz“, interpretiert Simone Husemann das Werk. „Welche Haltung nehme ich ein zwischen Himmel und Erde?“

Die in Münster lebende Künstlerin Anne Kückelhaus wurde mit dem Förderpreis für ihre keramischen Arbeiten „Auferstehung“, „Die Anbetung“ und „Majesty“ ausgezeichnet. „Die Tierplastiken werden unter ihren formenden Händen zu einem Spiegel menschlichen Verhaltens, zu Projektionsflächen menschlicher Sehnsüchte und Gefühle“, begründet Husemann das Urteil der Jury. Die drei Hasen von Anne Kückelhaus, die die „Auferstehung“ symbolisieren, sind in der Kirche Dreifaltigkeit zu sehen. Die übrigen Arbeiten werden in den Kirchorten St. Mauritius, St. Elisabeth, Mariä Heimsuchung und St. Josef präsentiert.

Eine besondere Gelegenheit zum Ausstellungsbesuch bietet eine „Spritztour zur Kunst“ am 28. Oktober, 10 bis 17 Uhr. Bei dieser Tour werden alle Ausstellungsorte angefahren.


Anmeldung: keb.wiesbaden@bistumlimburg.de oder Telefon 0611/ 17 41 20

 

ZUR SACHE

Verleihung am 11. November

Die Preisverleihung durch Weihbischof Thomas Löhr, Schirmherr des Projekts, erfolgt am Samstag, 11. November, um 19 Uhr im Saal des Roncalli-Hauses, Friedrichstraße 26-28, in Wiesbaden.

Der erste Preis an Malte Lück ist mit 2000 Euro dotiert, der Förderpreis an Anne Kückelhaus mit 1000 Euro.

Neben der Ausschreibung in der Bildenden Kunst hatte die Katholische Erwachsenenbildung Wiesbaden-Rheingau-Taunus auch in den Bereichen Sprache und Literatur zu einem Wettbewerb aufgerufen. Auch hierzu sind 226 Einsendungen eingegangen, von denen 170 der Jury vorgelegt wurden.

Ausgewählt wurden drei Texte von Anke Dörsam, Yannic Han Biao Federer und Friedel Weise-Ney für einen gemeinsamen ersten Preis, die mit jeweils 1000 Euro dotiert sind. In einem Begleitkatalog sind die ausgewählten Kunstwerke und die literarischen Arbeiten, überwiegend Erzählungen, veröffentlicht. (chk)

Weitere Informationen zum gesamten Projekt: www.standpunkte2017.de